Welzergasse 17 

Karl Komzak (Sohn) (*8.11.1850 Prag - +23.4.1905 Baden)

 

Karl Komzák kam im Jahre 1892 (Übersiedlung am 20. September)als Kapellmeister des hiesigen Kurorchesters nach Baden. Vorher war er als Militärkapellmeister eine Säule des musikalischen Lebens in Innsbruck. 

Militärkapellmeister mussten vielfältige Qualitäten aufweisen. Sie waren Zuchtmeister, Pädagogen, Bürokraten, Beichtväter und Bankiers, mussten jeden Stil beherrschen und traten als Dirigenten, Komponisten, Arrangeure und Programmdirektoren in Erscheinung. Diese Beschreibung trifft auf Komzák perfekt zu. Überdies galt er als Tausendsassa auf dem Klavier und der Geige. 

1882 kam er nach einem Zwischenspiel in Italien zum niederösterreichischen Infanterieregiment 84, dessen Konzerte auf Grund hervorragender Walzerinterpretationen bei der Kritik bald als Bühne für „Gassenhauer“ verschrien waren, aber das Publikum liebte den feschen Dirigenten, der bei seinen Auftritten die Musiker auch mitsingen und mitpaschen ließ. Den berühmten „84er-Regimentsmarsch“ schrieb er 1885.

Komzák war ein Genius, weil er im Gegensatz zu Musikerkollegen nicht nur komponierte sondern seine Werke auch selbst orchestrierte. Zu seiner Zeit galt er als „Polkakönig“, aber er schrieb auch zahlreiche Walzer und Märsche. Recht machen konnte er es den Kritikern nicht, denn „er benimmt sich wie ein unerfahrener, zur Verschwendung neigender, reicher Mann, der gar zu viel bietet und dadurch ermüdet.“ Aber die Badener Zeitung applaudiert mit einem Reim zum Saisonabschluss, ein paar Zeilen daraus: „…Schrumbumm! der letzte Ton verfliegt! Saison, du bist vorüber! – Was wird mir denn das Herz so weich, was geh’n die Augen über? Applaudieren, Füßestrampeln, Beifallsruf und Hochgeplärr! Meister Komzák dankt ergriffen, dreht sich um und spielt nicht mehr….“

Eduard Hanslick, der gefürchtete Wiener Kritiker, schrieb: „Will man hören, wie man Walzer spielt, dann muss man nach Baden fahren und das Kurorchester unter Komzáks Leitung hören.“

Bis 1892 mussten die Kurmusiker übrigens neben schwarzen Salonanzügen Zylinder tragen. Komzak hat diese Kopfbedeckung abgeschafft, und damit auch den Muff der Vergangenheit.

Obwohl ihn die Reisen mit seinem Militärorchester an ferne Destinationen wie Warschau und St. Louis führten, wohnte Karl Komzák bis zu seinem Tod in Baden in einer repräsentativen Villa an obenstehender Adresse. Er hatte sich in Baden derart eingelebt, dass er allen als Badener Bürger galt, und war eine angesehene Persönlichkeit, die jeder Verein gerne in seinen Reihen sah. So auch der Badener Männergesangsverein, der am Ostersonntag 1905 mit der Bahn einen Ausflug nach Dreistätten bei der Hohen Wand plante. 

Komzák verließ sein Heim in der Welzergasse in bester Stimmung, rief seiner Frau noch einen makaberen Scherz zu (dass er nämlich von der Hohen Wand zu Tode stürzen würde), was vielleicht als Vorahnung deutbar ist. Am Kaiser Franz-Ring bestieg er die Elektrische, verbummelte Zeit beim Versuch den Altbürgermeister Zöllner zu erreichen, verlor weitere Zeit, als er im Bahnpark mit dem Grafen Pötting tratschte, während bereits der Zug herandampfte. Der Satz „Leben Sie wohl, ich habe große Eile“ zählte zu seinen letzten. Bis er seine Karte gelöst hatte und den Perron erreichte, hatte sich der Zug bereits in Bewegung gesetzt. 

Zurufen, nicht mehr aufzuspringen, schenkte Komzák keine Beachtung, er schwang sich auf eines der vorbeiziehenden Trittbretter, ergriff mit der rechten Hand den falschen Haltegriff, wodurch er in die entgegengesetzte Richtung gerissen wurde. Der Absturz ließ sich nicht mehr vermeiden, und er stürzte in den Raum zwischen Schienen und erhöhtem Bahnsteig. 

Noch hatte er Chancen zu überleben, aber als er sich aufrichtete, zermalmten ihn die Räder. Sein Schrei mochte verschluckt worden sein, aber der Aufschrei der entsetzten Menge hallte über den Perron und wurde zum makabren Nachruf.

 

Wienerstraße 8 

Karl Wiesmann (*15.3.1881 Wien – +9.11.1936 Baden)

 

Karl Wiesmann studierte am Wr. Konservatorium Fagott, Klavier, Orgel und Musiktheorie, kam zur Hofballmusik unter Carl Michael Ziehrer und wurde 1904 als 2. Kapellmeister ans Badener Theater engagiert. Als 1905 Hans Maria Wallner den tödlich verunglückten Komzak als Kurkapellmeister ersetzte, stieg Wiesmann zum 1. Theaterkapellmeister auf. Er leitete in dieser Position über Jahrzehnte zahlreiche Opern- und Operettenproduktionen, wobei er nicht vor dem Wagnis zurückscheute, höchst moderne Stücke aufzuführen.

Wiesmann etablierte sich auch als Komponist. Wie mancherlei Kompositionen zustande kamen, berichtet uns Ernst Löffler, der Wiesmann von Zeit zu Zeit mit Texten versorgte: „…Weil er rasch komponiert, verlangt er auch rasche Verfassung der Texte und hat sich damit den Titel ‚Karl der Plötzlichste’ taxfrei verdient. Sein Kopf ist voll von Ideen. Für jede Idee hat er einen passenden Textlieferanten. Begegnet er einen auf der Straße, so macht er vor ihm Halt, klopft ihm wohlwollend auf die Schulter und sagt: ‚Gut, dass ich Ihnen triff’, ich brauch’ an Text!’ Diese Vorbesprechungen finden nicht vielleicht in einem geheizten Salon, sondern gewöhnlich auf der Straße statt. Einen ganz  besonderen Vorzug genießt der Schreiber dieser Zeilen, dem Er die Ehre des ‚Fensterln‘ schenkt. Daß ich eine Parterre-wohnung besitze, gibt ihm willkommene Gelegenheit, an mein Fenster zu klopfen. Zuerst piano, dann forte, zuerst a-moll, dann in aner Dur (ich bringe diese fachtechnischen Ausdrücke, weil er mich immer ‚unmusikalisch’ nennt). Wenn ich dann die ‚Oberliachten’ aufmache, erteilt er mir durch dieselbe seine Aufträge. Trifft er mich nicht zuhause, so sucht und findet er mich anderswo. Es war im Frühjahr 1912, als ich im Café Punik bei einer Tarockpartie kiebitzte ... In diesem aufregenden Augenblick klopfte mich der Ober auf die Schulter, um mir schonend mitzuteilen, dass Herr Kapellmeister Wiesmann mit mir zu sprechen wünsche. Ich folgte allsogleich dieser Einladung …und wurde von ihm ersucht, an seiner Seite Platz zu nehmen.

‚Geltn’s, da staunen’s, dass ich einmal in das Kaffeehaus kumm’, hub er an, ‚aber ich brauch’ an Text! Das is nämlich so, passen’s auf! Baden und Weikersdorf sind vereinigt, jetzt möcht’ ich so ein’ ‚Vereinigungsmarsch’ der Gemeinde widmen und dazua brauch’ i an Text!’ ‚Ja, wann brauchen’s denn den Text?’ ‚Den Text, Herr Löffler, brauchert ich schon morgen. D’rum mein’ ich, Sie kommen gleich mit mir in die Wohnung und da geh’n wir die Geschichte miteinander durch. Ich wohne in Ihrer nächsten Nähe, in der Frauengasse.’ ‚Seit wann? Gestern wohnten Sie doch noch in der Spiegelgasse?’ ‚Vorgestern! Bitte! Drum mein‘ ich ja, Sie sollten den Text recht g’schwind machen, dass Sie ihn noch  d a   abgeben können, sunst müssten Sie ihn schon in die Wienerstraßen hintragen!’ ‚Hörn’s’ sage ich, ‚Sie ziag’n ja mehr umanander wie der Beethoven!’“ 

Hier unterbrechen wir, um festzuhalten, dass die vier Adressen in diesem Buch als Indiz zu obigen Behauptungen über Wiesmanns Zigeunerleben reichen sollten. Irritierend ist nur Löfflers Erinnerung, zumal Wiesmann schon ab 1909 in der Wienerstraße gemeldet war. Egal. Der Texter folgt Wiesmann in seine Wohnung, wo ihm das neue Stück am Klavier vorgespielt wird. Löffler weiter: 

„Dann sah er mich forschend an. ‚Was sagn’s dazua? Guat! Net? Was? Sehn’s, da dazua brauch’ i’ an Text!’ ‚Geben Sie mir einige Anhaltspunkte, Herr Kapellmeister!’ ‚Was heißt Anhaltspunkte? Schwefelwasser, Wein…na, und das andere müssen Sie dazu machen, dafür sind Sie der Dichter! Ich denke mir die Sache so: Heut’ is Dienstag, morgen Mittwoch bringen’s mir den Text. Donnerstag früh laß’ ich ihn drucken, abends studier’ ich ihn mit die ‚Liederfreunde’ ein, weil am Sonntag nachmittags schon die Erstaufführung im Kurhaus stattfindet.’“ 

So arbeitete der am längsten dienende Kapellmeister Badens.

 

Flamminggasse 51 (auch Weilburgstr. 18/ Weichselg. 22/Christalnigg-Gasse 8)

Willy Kreuzer (*31.10.1947 - +9.1.2019)

 

Als im Jahre 1969 der schriftliche Appell eines Studenten der Wiener Musikakademie namens Willy Kreuzer „An die singfreudige Jugend!“ erging, mit dem Untertitel „Baden braucht einen gemischten A-Cappella-Kammerchor“ und dreizehn Teilnehmer zur ersten Probe am 
9. Oktober 1969 erschienen, konnte niemand ahnen, dass hier eine mittlerweile über 
35-jährige Erfolgsgeschichte ins Haus stand. Der Initiator führte den Chor bis ins Jahre 1994. Parallel dazu betreute er überdies zwischen 1972 bis 2006 den Kirchenchor St. Stephan. Weil das nicht genug ist, führte er bis 1972 noch das nach ihm benannten Sextett, und so konnte es vorkommen, dass Willy Kreuzer bei Bällen im Kongresshaus bis in die Früh Tanzmusik zum Besten gab und sonntags um 10 Uhr Vormittag die gläubigen Katholiken mit Kirchenmusik in höhere Sphären entführte.

Drei Proben die Woche und fast jedes Wochenende einen Auftritt – das zählte zum ständigen Repertoire des hauptberuflich als Musik- und Geschichtslehrer am Bundesrealgymnasium in der Biondekgasse tätigen Chorleiters und Komponisten.

Bei den beiden großen Leidenschaften seines Lebens setzte er sich stets hohe Ziele, wollte er hoch hinaus. Wandern und Musizieren beherrschen bis heute sein Leben, oft eine Gratwanderung, eine Art Grenzerfahrung in beiden Bereichen.

Als er 1991 mit einer Lawine 150 Meter ins Tal schlitterte, schloss er mit dem Leben ab, dachte: „Das wars!“ Als aber die Schneemassen zum Stillstand kamen, hockte er auf dem Lawinenkegel und erkannte nach der gewissermaßen überdimensionalen Rutschpartie: „Das war eigentlich klass!“

Am 7. Juli 2003 stürzte er beim Abseilen in den Ötztaler Alpen in die Tiefe, weil passierte, was nicht passieren darf: Ein Karabiner war aufgegangen. Kreuzer, der es gleich bemerkte, zuckte ein „Schon jetzt?!“ durch den Kopf, den Aufschlag tief unten registrierte er nicht mehr. Als er zu sich kam, lag er schräg in einer Blutlache, den Kopf nach unten. Erster Gedanke, ein despektierliches: „Scheiße, ich lebe noch!“ 

Nacheinander kontrollierte er seine Zehen, die Hände, zuletzt den Kopf. Als Willy Kreuzer erkannte, dass sogar die Wirbelsäule heil geblieben war, folgte die absurde Erleichterung auf dem Fuß: „Dann kann ich ja nächste Woche auf den Elbrus gehen!“

Er stieg drei Stunden zu Tal, aufgeregte Rettungsleute brachten ihn ins Spital, aber plangemäß bestieg er den höchsten Gipfel Europas (5642m!) – allerdings mit einer Reihe von Nähten am Kopf.

So lotet er auch die Grenzen der Musik aus: Vom „Jazz-Concertino“ zur elegischen Theater-musik von „Das Spiel“, von Schlagern wie „Das ist die halbnackte Susi“ bis zu seinem Lieblingswerk, der „Stephanusmesse“, die noch heute jeden Karsamstag bei der Auferstehungsfeier in der Stadtpfarre St. Stephan zur Aufführung gelangt. A-Capella-Chöre, zahlreiche Lieder, Klaviermusik, Streichquartette und Sonaten runden das Oeuvre ab.

Der Magister ist Extremist und Statistiker, aber kein Statist, sondern einer, der im Mittelpunkt stehen will. Woran sich dieses Urteil festmacht? 

Er hat zwanzig Wienerwaldberge an einem Tag erklommen! Und er plant die Besteigung aller 3000er in Österreich: 852 hat er schon, 77 luftige Gipfel fehlen noch. Seine Stärke ist Improvisieren – am Klavier und am Berg. Stimmungen in Gefühle umsetzen –am Gipfel, in Noten. Empfindungen werden herbeigeführt, geradezu programmiert, und wen wundert’s, auch seine Instrumentalwerke klingen verdächtig nach Programmmusik.

 

P.S.: Willy Kreuzer bestieg bis zu seinem Sekundentod 2019 tatsächlich sämtliche 3000er-Gipfel in Österreich.