Das Ritual
Zum Um und Auf des versierten Weinhauers zählte früher die herzliche Begrüßung des Gastes, womöglich mit Handschlag, denn man glaubte, dass der persönliche Kontakt entscheidend zur Wiederkehr des Gastes beitragen könne.
Freilich war es nicht leicht, sich alle Namen zu merken, und Franz Schwabl erinnert sich, als ihn der Großvater im Anschluss an ein besonders herzlich formuliertes „Grüß di, lieber Freund!“ zur Seite nahm und ratlos fragte: „Hearst Bua, kennst den?“
Und der Knabe antwortete artig: „Nein, Herr Großvater!“
Denn seinerzeit verkehrte man mit Eltern und Großeltern noch überaus förmlich.
„Na, mocht nix, oba trotzdem immer freindlich sei,“ gab der Großvater daraufhin die Parole aus, und legte gleich ein Schäuferl nach: „Host verstaunden? Sog ‚Grüß Gott’, sunst host glei a Trumm Floschn!“
Durch diese liebevolle Verstärkung animiert, bemüht sich der Wirt noch heute redlich, die Anweisungen des Großvaters in die Tat umzusetzen.
Glückliche Fügung
Als die Russen im Frühjahr 1945 in die Friedrichstraße kamen, kroch die Freundin von Herta Voigtländer (damals noch ein junges Mädchen namens Berger) flugs unters Bett im Schlafzimmer ihrer Großmutter. Die Russen drangen tatsächlich ins Haus ein, fanden aber nur die Oma des Mädchens vor, und ein vielleicht 20 bis 25-jähriger Russe stieß die ältere Frau auf das Bett und fiel über sie her.
Nachdem er sich von der Frau gelöst hatte, entdeckte er etwas verspätet die knusprige Enkelin unter dem Bett und radebrechte zu ihr in schwer verständlichem Deutsch: „Du da, du kommen vor!“
Vor Furcht zitternd kroch das Mädchen unter dem Bett hervor, aber der Russe plante gar nicht, sie zu vergewaltigen, vielmehr nickte er ihr zu, dann Richtung Großmutter, und sprach anerkennend: „Oma…“, legte zwei Fingerkuppen zusammen, führte sie an die zugespitzen Lippen – eine weit verbreitete Geste, um zu verdeutlichen, wie vorzüglich etwas sei – und ließ einen anerkennenden Schmatzlaut erklingen.
Als die misshandelte Oma später beim Bachhofer-Heurigen von diesem Erlebnis berichtete, waren alle betroffen, man kannte ja zahlreiche Schicksale durch die Russen vergewaltigter Frauen, aber die alte Dame winkte lässig ab: „A wos, i hob eh scho so laung kan Maunn mehr ghobt.“
Der trojanische Wein
Die folgende Schnurre hat uns der ehemalige Bürgermeister und gelernte Historiker Mag. Viktor Wallner überliefert, den Hintergrund bildet ein Bericht von Dr. Karl Krebs.
Die Russen hatten soeben die Stadt besetzt, alles war noch Aufruhr und Unsicherheit. In dieser Situation beschloss die sowjetische Kommandantur den ehemaligen Bürgermeister Josef Kollmann, zu dem die Bevölkerung Vertrauen hatte, (erneut) zum – provisorischen – Bürgermeister zu bestellen. Das passierte offiziell am 9. April.
Tags darauf sprach Kollmann im Rahmen einer Kundgebung der Bevölkerung Mut zu. Einer der ersten Taten, die er setzte, war, auf der Kommandantur die Forderung nach einem Feuerwehrauto zu erheben, damit er im Bezirk Lebensmittel einsammeln konnte.
Dieser Wagemut wurde angeblich in der ersten Empörung der Russen über den unbotmäßigen Wunsch mit Prügel belohnt, dann überdachte man den Vorschlag, befand ihn doch für praktikabel und gestand Kollmann ein kleines Feuerwehrauto zu, und er durfte mit blutig geschlagenen Knien die ersten Lebensmittel für die Bevölkerung erbetteln.
Als er schon bald nach dem Ende des 2. Weltkrieges zum ersten Heilbädertag nach Bad Ischl eingeladen wurde, wählte er als Transportmittel das besagte Feuerwehrauto. Einerseits gab es im Jahre 1946 ohnehin nur ausgesprochen wenige intakte Fahrzeuge, andererseits waren mit der Wahl eines Einsatzfahrzeuges an der Zonengrenze – und die galt es ja zu überschreiten – weniger Komplikationen zu befürchten. Wer die Idee zu dem Husarenstück geboren hat, ist nicht überliefert, jedenfalls ließ Kollmann den Wassertank artgemäßer Verwendung zum Trotz Liter um Liter mit köstlichem Badener Wein befüllen.
Kein misstrauischer Posten verfiel bei der Kontrolle auf den Gedanken, dass die Badener auf diese Weise ihren Wein hektoliterweise über die Grenze schmuggeln würden. So gelang das Kabinettstück.
Selten hat es bei einer Tagung ein so großes „Hallo“ gegeben, wie in jenem Augenblick, als die Badener Delegation das Kommando „Wasser marsch!“ ausführte und alle miteinander als Lügenbolde entlarvt wurden.
Es war einer der letzten Einsätze Kollmanns, der oft genug in seinem politischen Leben „Feuerwehr“ gespielt hat. Die Besatzungsmacht setzte ihn noch 1946 als Bürgermeister ab. Aber keineswegs, weil er ein Feuerwehrauto als trojanisches Pferd missbraucht hat. Davon haben die Russen wahrscheinlich nie erfahren.
Am Beispiel Prechtls
Als Leopold Prechtl begann in der Bergsteiggasse auszustecken, irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts, da war er allein auf weiter Flur. Er bewohnte das letzte Haus oben, dort endete die Bergsteiggasse. Er war Nebenerwerbsbauer und führte in erster Linie eine Wäscherei. Jawohl, eine Wäscherei!
Jeden Tag früh morgens schleppte er das benötigte Wasser in Holzbutten die beachtliche Steigung hinauf, und mag sein, dass es ihm nicht immer eins war. Auf Höhe Bergsteiggasse 6 war der letzte Wasserhydrant, wer oberhalb wohnte, holte sein Wasser von dort. Die Kinder, die oftmals geschickt wurden, verwendeten Kübel und verloren unterwegs die Hälfte des Wassers. Prechtl wusch unter anderem die Wäsche für den Herzoghof, aber natürlich wurden damals die Überzüge und Handtücher nicht täglich gewechselt, sondern nur wöchentlich. Es fielen demnach nicht die heutzutage gewohnten Mengen an.
In die Butten hatte er mit Hilfe eines Brenneisens die Initialen L.P. eingebrannt. Fast jeder Hauer kennzeichnete sein Eigentum, denn bisweilen borgte man es dem Nachbarn.
Prechtl besaß drei Weingärten und steckte zweimal im Jahr aus. Zu diesem Zweck räumte er einfach das Kabinett aus. Sein Keller war nur durch eine Falltüre zu erreichen, die man nach dem Öffnen an der Wand befestigte, und dann stieg man vorsichtig ins dunkle Loch hinunter. Heute sind solche Konstruktionen längst verboten.
Prechtl produzierte rund 700 l Weißwein und 300 l Rotwein, und wenn der ausgesoffen war, wurde eingezogen.
Prechtl war ein Schnagerlheuriger und blieb das auch in der Ära seines Sohnes Fritz. Dessen Beruf war Anstreicher, und die Überlieferung berichtet, er wäre ein fleißiger Mann gewesen.
Da ihm oben am Berg kein Eis zur Verfügung stand, setzte er beim Ausstecken auf Haltbarwaren, auf Dauerwürste wie z.B. die Polnische, die ohne Kühlung auskam.
Eingelassen in einer primitiven Anrichte befand sich eine mit Blech ausgekleidete Wanne, die mit Wasser befüllt wurde, und darin standen die Flaschen, damit der Wein nicht ganz warm wurde. Außer Achtel- und Viertelgläser gab es kaum Geschirr, schon gar keine Stilgläser. Als Messbecher diente ein emailiertes Sechterl – die besseren Heurigen hatten Aluminium in Verwendung.
Wie alle Heurigen in den Randlagen Badens konnten sich die Männer ursprünglich nur an einer Brunzrinne erleichtern. Frauen mussten sich Büsche suchen oder blieben daheim. Später baute Fritz ein gemauertes Klosett mit einer Senkgrube, die im Winter ausgeräumt und der Inhalt auf die Wiese geleert wurde.
Das „Örtchen“ war im Regelfall nicht großartig angeschrieben. Bei Franz Spörk in der Isabellastraße 67 suchte man einen Verschlag auf, wo ein gemaltes Schild mit einem einzigen Wort prangte: „HIER“.
In der Nachkriegszeit war es üblich, dass befreundete Familien miteinander eine Runde spazieren gingen, ein bescheidenes Vergnügen, und es wurde gekrönt durch einen Besuch bei einem der zahlreichen Heurigen. Von solchen Gästen lebte Prechtl. Glaubte er jedenfalls.
Eines Tages sagte er zu seiner Gattin, die aus der Steiermark stammte: „Da schau her, was wir für Heurigengeld verdient haben,“ und es klang sehr stolz. „2000 Schilling!“
Nie wurde ihm bewusst, dass er diese Summe von einem anderen Konto heruntergenommen hatte, um im Vorfeld zu investieren. Das Geld wechselte lediglich von einer Börse in die andere, der Gewinn war gleich null und möglicherweise hat der Hauer noch draufgezahlt.
Ganz in der Gewalt
Zwei typische Trankler, endlose Hockenbleiber, saßen noch im Lokal, die meisten Gäste waren schon gegangen, nur an zwei anderen Tischen war noch besetzt.
Die Unterhaltung war ziemlich zum Erliegen gekommen, weil beide betrunken waren und mehr vor sich hinstierten als Konversation pflegten. Der eine zündete sich mit unsicheren Fingern eine Zigarette an. Plötzlich überkam es den anderen, er beugte sich gerade noch zur Seite und erbrach sich neben den Tisch.
Danach wandte er sich geschlaucht an seinen Tischgenossen. „I glaub‘, jetzt is Zeit, dass i geh.“
Der andere nickte einsichtig, klopfte die Asche ab, und sagte mit schwerer Zunge: „Rudl, des gfoit ma an dir, du waßt immer, wauns gnua is!“
Polizeieinsätze
Einst war es üblich, dass die Polizei gegen Mitternacht die Runde durch die Lokale machte, um überall die Sperrstunde auszurufen. Dieses Vorgehen zog sich bis in die späten 1960er-Jahre hin und wurde zuletzt vor allem exekutiert, wenn die Polizisten einen quälenden Durst verspürten, der nur durch den Genuss puren Weins gelöscht werden konnte.
Böswillige Zungen behaupten hartnäckig, dass die Beamten seinerzeit zu den härtesten Lebern der Stadt zählten, was á priori nicht von der Hand zu weisen ist. Immerhin: Bei jedem Heurigen, wo sie die Sperrstunde verkündeten, konsumierten sie ihr Viertel, dann gingen sie, und hinter ihnen wurde das Licht im Kranzl ausgeschaltet und das Tor versperrt.
Sie müssen sich das so vorstellen: Die pflichtbewussten Beamten betreten das Lokal und schnarren: „Meine Herren, Sperrstund is’!“
Nachdem sie prüfende Blicke durchs Lokal geschickt und kraft ihrer Authorität gewirkt haben, schicken sie sich an, es wieder zu verlassen. Währenddessen hat der Wirt unübersehbar auf einem Tisch im Garten zwei Viertel positioniert, die von den Beamten kritisch ins Auge gefasst, ruckzuck getrunken werden, und dann verschwinden sie so schnell, wie sie gekommen sind.
Kommen wir zu einer Variante.
Es klopft an der Verandatür eines anderen Heurigens. Drei Mann hoch der Polizei dringen ein: „Fischer, wos is? Eh ollas in Ordnung bei eich?“
Der Wirt antwortet: „Wos woits denn trinken?“
Während er die Gläser füllt, erklärt einer der Beamten: „Im Auto sitzt a ana!“
Der Pflichtbewusste bekommt sein Glas auf die Straße serviert, denn das Funkgerät braucht Betreuung. Die Beamten bleiben hocken so lange offen ist, wurscht, was rundherum passiert.
Wenden wir uns einer weiteren Variante zu:
Die Polizei betritt ein Lokal kurz vor Mitternacht, worauf die Wirtin insgeheim erleichtert reagiert: „Na Gott sei Daunk, heut wird früher Schluss, die mochen jetzt Sperrstund.“
Denkste. Alle regulären Gäste sind längst davongegangen, mit der Polizei hocken die Wirtsleute bis in der Früh. Für die Gäste ist es fein, denn die wissen, draußen herrscht reine Luft, keine Gefahr einer Kontrolle, weil die Beamten saufen im Lokal.
Bisweilen grenzte das Verhalten der Polizei an Geschäftsstörung. Einmal warf ein Diensttuender alle Gäste hinaus, blieb dann mit seinem Kumpan hocken und wollte Kommunikation pflegen. Da wurde die Wirtin deutlich: „Herr Inspektor: Sperrstund! A für eich, jetzt gemma nämlich schlofen!“
Die Wirtsleute fokussierten auf folgenden Standpunkt: „Wenn der Beamte zerscht des gaunze Gschäft verdirbt, daunn kaun er si a schleichen. Oder er trinkt und zohlt sovü, dass er die verscheichten Gäst’ aufwiegt.“
Leider darf der Wirt Organen im Dienst nichts anbieten, das könnte glatt als Bestechung missverstanden werden.
Mein persönlicher Favorit ist das folgende Geschehen.
Das Heurigenlokal war bis Mitternacht bummvoll, jetzt aber werden die Gäste vorschriftsmäßig hinauskomplimentiert, und der Wirt verschließt das Tor mit einer gnadenlosen Drehung des Schlüssels. Zusperren in reinster Form, eine Vollstreckung.
Um halb ein Uhr früh läutet es, der Wirt – gerade im Begriff ins Bett zu schlüpfen – tappt seufzend hinaus.... steht die Funkstreife draußen. Einer der Gendarmen hebt die Hand und zeigt mit hochgestellten Fingern die Anzahl der Gläser. Er verliert keine unnötigen Worte.
Das war 1969.
In diesem denkwürdigen Jahr serviert der Wirt das Gewünschte auf seinem Tablett bis vor die Haustür und wünscht den Beamten eine gute Nacht.