Zuckersackel füllen

Freitags oder spätestens Sonntag waren die Zuckersackerl der vorangegangenen Woche, die zum Kaffee serviert wurden, meistens aufgebraucht und ein neuer Schwung als Nachschub war vonnöten.

Nachdem ich meinen Vater eines Tages um Erlaubnis gefragt hatte, ob ich spielen gehen könne, da sich meine Freunde alle auf der unteren Wiese versammelt hatten, um zu ballestern und es mich schon juckte dabeizusein, ernüchterte mich seine Antwort begreiflicherweise: „Du kannst schon gehen, aber vorher musst du noch 600 Sackerl mit Zucker füllen!“

Au weh, au weh, das hieß auf Deutsch endlose zwei Stunden lang beim Tisch hocken und je drei Stück Würfelzucker in ein winziges Sackerl schlichten, das mein Vater als Werbeträger benutzte.

„Restaurant Rudolfshof im oberen Kurpark, ganzjährig geöffnet, Pächter Josef und Leopoldine Gröbner“ stand darauf zu lesen. Nichts, was nicht ohnehin jeder gewusst hätte, der bei uns einkehrte.

Zähneknirschend musste ich den Anordnungen folgen, mich ins Kabinett setzen und mit dem Zuckerfüllen beginnen, konnte aber durch das Fenster dem Tun und Treiben meiner Freunde auf der Wiese hervorragend folgen, was mir die Arbeit zur Hölle machte. Der Gedanke ans Ausreißen geisterte zwingend durch meinen Schädel, nur um da unten auf der Wiese dabei sein zu können und mitzuspielen. Außerdem knüpften sich daran andere Unternehmungen, die natürlich weit interessanter zu werden versprachen als da zu sitzen und Papiersackerl zu picken.

Es galt, jede Gelegenheit zu nutzen, die sich bot, um dieser Tortur zu entwischen. Durch’s Fenster konnte ich die Bewegungen meines Vaters verfolgen, und als er gerade mit seinen Gästen Schmäh führte, verschwand ich durch den Saal und hinten hinaus durch den Hof, um, durch die Blickdichte des Waldes geschützt, meinen Weg zur Wiese hinunter zu finden, wo ich mich gleich ins Geschehen eingliederte.

Wie immer dauerte es nur kurze Zeit, bis mein Vater gewahr wurde, dass seine Zuckersackerl die gewünschte Anzahl glorios verfehlen würden, weil ich nämlich nicht im Kabinett saß und niemand daran arbeitete. Er brauchte allerdings nur auf die Wiese zu schauen, um mich aus der Masse bewegender Leiber herauszufinden – Lederhosen und ein Leiberl, Igelhaarschnitt, aber noch kürzer – worauf er meiner Mutter noch schnell einen Zirkus machte, weil sie mein Fortschleichen aus dem Kabinett nicht bemerkt hatte, und sich sodann mit einer Portion aufgestauten Ärgers im Bauch auf den Weg machte. 

Natürlich kam er nicht über den regulären Weg, sondern suchte – wie sein Sohn – sein Fortkommen vom Wald gedeckt, denn sonst hätte ich sein Nahen bemerkt und mich rechtzeitig davongemacht. So aber lauerte er hinter den Gebüschen auf einen günstigen Zeitpunkt, und als ich etwas näher kam, sprang er aus dem Versteck, packte mich am Kravattel, verabreichte mir vor den Augen meiner Freunde ein oder zwei entwürdigende Watschen und zerrte mich schließlich unsanft wieder zurück in mein zwischenzeitlich verwaistes Kabinett. 

Dieses Mal sperrte er die Tür zu, und ich wurde nicht früher herausgelassen, als bis ich eidesstattlich versicherte, die 600 Sackerln fertig zu haben. Damit er diese Angaben überprüfen konnte, musste ich diese in Reihen zu je hundert Stück auslegen, denn offenbar rechnete er damit, beschwindelt zu werden. 

Unfassbar, dieses unangebrachte Misstrauen...

In den nächsten Wochen ersann ich eine andere Lösung und lud mir Freunde ein, damit sie mir beim Befüllen helfen sollten, natürlich im Hinblick darauf, dann früher auf die Wiese zu kommen. Aber die Rechnung hatte ich ohne Wirt gemacht, denn die Burschen vernaschten mehr Zucker als sie einfüllten, und abgesehen davon ruinierten sie bei der Prozedur mehr Sackerl als überlebten. 

Somit war die Norm wieder nicht erfüllt und schon hockte ich wieder allein, mit Tränen in den Augen und einem Bauch voller Zorn, der althergebrachten Routine ausgeliefert. 

Irgendwann schlug ich meinem Vater vor, den schon verpackten Zucker der Firma Meinl mit deren Werbung zu ordern, denn damit würde er sich Kosten ersparen, weil er gar nichts zu zahlen brauchte. Da er auf Dauer nicht viele andere Auswege sah, vielleicht zermürbt von meinem latenten Widerstand und vielleicht auch, weil sein Hausverstand das günstigere Angebot nicht so leicht verdrängen konnte, nahm er meinen Vorschlag an, und auf diese Weise wurde ich von der Schikane des Zuckereinsackelns ein für alle Mal befreit.

 

 

Einmarsch in Baden

Als die Wehrmacht in Baden einrückte, präsentierte sich Baden mit Hakenkreuzfahnen geschmückt, Hitlerbilder prangten allerorts mit Tannen und Reisiggirlanden über den Straßen platziert, Menschenmengen drängten durch die Gassen, alle mit der Hakenkreuzbinde am linken Arm, und alle hörte man sie „Sieg Heil!“ schreien. Die Truppen marschierten durch, Blumen wurden geworfen, und dann war alles vorbei. 

Ich war mit Frau Anna Schmirger, Franzi und Karli Schwanke sowie meinem Cousin Raimund mitten unter dem Massenauflauf gewesen, mit einem kleinen trotzigen Rot-Weiß-Rot-Abzeichen unter der Jacke, dessen Diskretion durch die uns verpasste indoktrinäre Armbinde jedoch bei weitem übertroffen wurde.

Schon in den nächsten Tagen fing es an mit Ausschreitungen gegen die Juden. Plakate wurden vor jüdischen Geschäften platziert, diskriminierende Aufschriften von nicht gerade bestechender Originalität waren gang und gäbe, z.B.: „Ich bin im Ort das größte Schwein, drum kauf bei keinem Juden ein!“  

Ein ziemlich entlarvender Text, denn mit dieser Formulierung verwies das „Schwein“ eigentlich auf den Verfasser zurück, aber wurscht, die Leute wussten, was gemeint war. Judensterne wurden überall auf die Portale geschmiert, Fenster an jüdischem Besitz eingeschlagen, und als Höhepunkt wurde der „Judentempel“, wie die Synagoge im Volksmund geheißen wurde, zerstört. 

Unter Aufsicht der SS bzw. SA mussten im Nu auch im trauten Baden die Juden mit Seife und Putzfetzen auf den Knien kriechen, um den Gehsteig zu waschen, mit Argusaugen überwacht von den untadeligen braven Badener Bürgern mit der Authorität und der Stärke ihrer Uniform.

Einige Wochen später waren alle Jungen von sechs bis zwanzig angehalten, sich in einer Villa in der Helenenstraße schräg gegenüber vom Hotel Esplanade zu melden, und dort wurden wir in Folge zur DJ, HJ, SA oder SS zugeteilt. Ich als kleiner Junge wurde zuerst einmal als „Bimpf“ eingetragen. Mit Gleichaltrigen durfte ich bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten die Fahne mit dem Blitzsymbol herumtragen. Ab diesem Zeitpunkt waren wir jedenfalls in Uniform, und da war kein Herauskommen bis 1945. 

Die Narreteien des neuen Regimes bekamen wir aber auch am Rudolfshof zu spüren. Mein Vater erhielt eine strenge Verwarnung, da wir die geforderte Fahne selber zusammengebastelt, aber bedauerlicherweise das Hakenkreuz verkehrt herum aufgenäht hatten. Dieses Missgeschick war uns in der Eile entgangen. Wir mussten eine neue Fahne käuflich erwerben und ab diesem Zeitpunkt vom Rudolfshof wehen lassen. Irgendwie erinnerte sie an eine große rote Zunge, die da hinaushing, und von da war der Gedanke nicht weit bis zum Lecken.

 

 

Der  Papagei

In der Welzergasse 34 vis-à-vis vom Bellevue (Nr. 33-35) befand sich eine Villa, an deren Grund sich Weingärten anschlossen, die ein gewisser Karl Koller bearbeitete (und die sich bis in die Trostgasse hinunter erstreckten), was uns hier aber nicht interessiert. 

Die Besitzer der Villa hielten sich einen Papagei, den sie in einen sehr großen Käfig gesperrt hatten, und dieser wiederum hatte seinen Platz direkt am Fenster gefunden. 

Der Papagei war ein ob seiner Schönheit Ehrfurcht gebietendes Tier, das im Bewusstsein seiner Farbenpracht und mit mächtigem Schnabel im Käfig herumstolzierte. Er verbrachte seine Tage mit Fressen und pflegte zwischendurch eine intensive Kommunikation mit der Hausfrau, auch wenn es sich nicht exakt um Meinungsaustausch handelte.

Wenn ich vorbei ging und der Vogel meiner ansichtig wurde – und das war fast immer der Fall – schrie er mit lauter Stimme: „Servus – Laura – Zucker – Dieb!“ 

Worauf ich antwortete: „Leck mich am Arsch, leck mich am Arsch!“

Nach längerem Unterricht übernahm er diese Wortfolge gnädig in seinen Sprachschatz, mehr noch, gewährte er meiner Anweisung Priorität, indem er sie an den Anfang seines Redeschwalls stellte: „Leck mich am Arsch – Laura – Zucker – Dieb!“

Nachdem der Papagei die Worte mit stolzgeschwellter Brust ununterbrochen in voller Lautstärke beim Fenster hinausschrie, stellte sich bei den Besitzern ein Gefühl der Peinlichkeit ein. Noch unangenehmer war es, wenn Gäste auf Besuch kamen, denn die zogen Rückschlüsse auf den Sprachgebrauch im Hause der Gastgeber.

Da meine Lehrtätigkeit nicht unbemerkt geblieben war, beschwerten sich die Leute bitterlich bei meinem Vater. Irgendwie wussten sie nicht, was sie mit einem Papagei anfangen sollten, der solch bedenkliche Vokabel in seinem Repertoire führte. 

Fürs Erste musste jedenfalls der Papagei für seinen grandiosen Lernerfolg büßen, denn nunmehr sperrte man ihn, wann immer Gäste ihr Erscheinen ankündigten, in einen abseits gelegenen Raum, der keine Fenster zur Außenwelt aufwies. Damit waren seine Kontakte auf ein Minimum beschränkt, und das arme Tier konnte sich höchstens austoben, wenn zur Zeit der Fütterung die Hausfrau auftauchte. Es ist nicht bekannt, ob die Besitzer des Tieres meiner Einflussnahme durch eigene Gehirnwäsche entgegenwirkten und ob sie à la longe erfolgreich waren.

Erfolgreich war jedenfalls die Klage bei meinem Vater. Mir wurde mein Sendungsbewusstsein einmal mehr nicht geglaubt, und außerdem musste er sich entschuldigen, was ihm gegen den Strich ging, worauf er mir die Hose wieder straffzog. 

 

 

Lausbubenstreiche im Hotel

Da wir (Hans Gangl, Karl Ettmayer, Pepi Dietmann und ich) nun einmal die vier Neuen waren, mussten wir, wie jeder andere, der als Lehrling irgendwo anfängt, in den sauren Apfel beißen und mancherlei Schabernack über uns ergehen lassen, und zwar unbedingt mit lachendem Gesicht, andernfalls noch mehr Sekkatur in Aussicht stand. 

Wenn wir am Abend todmüde eingeschlafen waren, schlichen die Älteren (einer von ihnen Karl Schanzer, der später das Gastlokal seines Vaters in der Helenenstraße übernehmen sollte) heran und trieben mit uns ihr grausames Spiel. Sie steckten ein Stück Butterpapier zwischen unsere Zehen und setzten es in Brand. Da war man schnell hellwach, versuchte mit dem anderen Fuß zu löschen, was aber nicht verhinderte, dass man am nächsten Tag mit Brandblasen kaum in den Schuh kam und den ganzen Tag unter furchtbaren Schmerzen litt.

Eine weitere Bosheit bestand darin, dem friedlich Schlafenden heiße Pfennige auf die Brust zu legen, die ihn mit einem Aufschrei aus dem Bett jagten, worauf er die Gangsterschar rund ums Bett registrierte, die sich vor lauter Lachen fast zerriss.

In anderen Fällen wurde die Hand des Schlafenden in heißes Wasser gelegt, was meist zur Folge hatte, dass man sich anpischte, sprich, ins Bett urinierte. Solche Vorfälle wurden dann am anderen Tag unter anderen Vorzeichen herumerzählt, nämlich, dass man ein Bettnässer sei und noch die Mami brauche.

Gerauft wurde nahezu jeden Tag. Ein Anlass war schnell gefunden, Polster- und Schuhschlachten folgten, dann flogen die Fäuste. Um all den Unfug, der da veranstaltet wurde, zu beschreiben, würde ein Buch kaum ausreichen.

Als wir diese Initiationsriten endlich überstanden hatten, erhielt das Leben eine andere Qualität, von diesem Moment an wurde zusammengearbeitet, soll heißen, alle Streiche wurden miteinander ausgeheckt und umgesetzt.

Eines Tages fand ich am Dachboden eine Kiste mit ausgebrannten Glühbirnen, die ohne offenkundigen Zweck hier abgestellt waren. Ich ließ meiner Phantasie freien Lauf, schleppte die Lampen in unser Zimmer und stellte sie unterm Bett ab. Zur Probe entnahm ich der Kiste eine der Glühbirnen und begab mich zum Fenster, das sechs Stockwerke über der Straße gelegen war. Es zeigte sich, dass so eine Lampe nach kurzem, aber ansprechenden Flug in die Tiefe mit einem Heidenlärm am Trottoir zerplatzt. 

Als meine Mitbewohner alle versammelt waren, zeigte ich ihnen mit leuchtenden Augen meinen Fund. Meine Anregungen wurden begeistert aufgegriffen und nach kurzer Zeit ging es unter uns zu wie bei einem Feuerwerk. Die in mikroskopische Teile zerberstenden Glühbirnen müssen zu ebener Erd’ wie ein Bombenangriff gewirkt haben, denn in kürzester Zeit entstand ein respektabler Menschenauflauf. Die Leute konnten sich die seltsamen Vorgänge nicht erklären, denn alles, was sie greifbar vorfanden, waren leicht deformierte Lampengewinde.

Wir natürlich verschwanden sogleich nach der Tat in alle Windrichtungen, um nicht da gewesen zu sein.

Ein andermal stieß ich am Dachboden auf einen Kamin, voll mit Ruß und noch mal Ruß, was meine Überlegungen entfachte wie ein Feuer. Vorausblickend sammelte ich alle Papiersackerl, derer ich habhaft werden konnte, um diese nach und nach mit den schwarzen Rückständen zu füllen und an einem günstigen Tag in Verwendung zu nehmen. 

Ich brauchte bei meinen Mitbewohnern kaum Überzeugungsarbeit zu leisten, das Szenario drängte sich auf. Wenn man auf einer Seite den Ruß in die Tiefe schleudert, der beim Aufprall eine hübsche Wolke erzeugt und jeden, der gerade vorbeigeht, in einen Rauchfangkehrer verwandelt, braucht man vom anderen Fenster nur einen Kübel Wasser nachzugießen, dann multipliziert sich der Erfolg der Maßnahme und es stellt sich zu Recht ein gewisser Stolz ein.

Der Mann, den wir mit unserem Gemisch erwischten, lenkte seine Schritte im Anschluss an das Erlebnis ins Hotel und beschwerte sich bitter, worauf der Herr Direktor Opitz höchstpersönlich die Treppe heraufstiefelte, um sich zu vergewissern, dass es sich bei den Übeltätern unmöglich um seine Buben gehandelt haben konnte, zumal er sie, jawohl, nicht angetroffen habe. Jedenfalls dürfte er diese Argumentationslinie verfolgt haben.

Wirkliche Unbill bewirkte der Umstand, dass unsere Zimmer ziemlich verwanzt waren. Unser Manfred, den sie regelmäßig befielen und der infolge der Bisse immer eine hochrote Brust aufwies, aber keine Chance hatte, sich gegen die Plagegeister zu wehren, litt so sehr, dass wir eines Tages bunte Stecknadeln kauften. 

Jeder von uns, der am Abend nach Hause kam und das Licht aufdrehte, musste alle Wanzen, die er entdeckte, einfangen und in eine Dose sperren. Nach einiger Zeit hatten wir eine ansehnliche Menge gesammelt. Nun zeichneten wir die Umrisse von Deutschland an den Plafond und besteckten Deutschland und das umgebende Europa mit den gefangenen Wanzen, die, auf Nadeln mit bunten Köpfen gespießt, die aktuellen Frontlinien darstellten.

Um unseren Wünschen mehr Nachdruck zu verleihen, wandten wir uns zuerst an Herrn Direktor Opitz, zeigten ihm Deutschland mit den Wanzen und weiters unsere gut gefüllten Dosen, und beschwerten uns. Wir gaben ihm unmissverständlich zu verstehen, dass wir den Tierchen in den Dosen die Freiheit zurückgeben würden, aber natürlich in entfernt liegenden Teilen des Hauses, wenn er nicht dafür Sorge trug, unsere Zimmer zu vergasen. 

Dieser überzeugenden Argumentation konnte sich die Direktion nicht verschließen, ein Kammerjäger erschien, tat seine Arbeit und nach einer Woche waren die Zimmer wanzenfrei und somit bewohnbar.

 

 

Eine Hundsgeschichte

Frau Steigner hatte hinten hinaus einen großen Garten, den sie aufopfernd pflegte, und sie konnte daher unseren Hund, den wir mitgebracht hatten, nicht ausstehen. Freilich rannte Rigo auf der Wiese herum und setzte seinem Dasein an jeder Ecke ein Denkmal. Wenn er gut gelaunt war, hob er bei den Rosenstöcken seinen Hinterlauf und ließ Wasser ab, was die edlen Blumen nur schwer verkrafteten.

Die Lage drohte zu eskalieren, und daher suchte Frau Steigner meine Mutter auf und gab ihr zu verstehen, dass der Hund aus dem Haus müsse oder uns keine Wahl bliebe, als gemeinsam auszuziehen.

Nun standen wir vor einer schweren Entscheidung, die da lautete, Hund weg oder selbst die Wohnung verlieren. Wir litten außerordentlich, denn der Hund hatte über Jahre jeden Augenblick unseres Lebens begleitet, war immer an unserer Seite gewesen, ein treuer Gefährte, der sich stets als Beschützer des Hauses und meiner Mutter hervorgetan hatte. Ihn wegzugeben sollte nun der Dank sein?

Schließlich fasste ich einen Entschluss und kündigte meiner Mutter an, dass ich mit dem Tier zum Rudolfshof hinaufginge, äußerln. Sie muss geahnt haben, was ich plante, und nahm auf ihre Art und Weise Abschied: Sie fütterte den Hund mit dem Besten, was zur Verfügung stand.

Dann nahm ich Rigo an die Leine und wanderte mit ihm, Tränen in den Augen, den Kurpark hinauf. Das Herz füllte mir die ganze Brust, so schwer war es, denn es ist nicht einfach, sich von einem Tier zu trennen, das solche Dienste geleistet hat. 

Im oberen Kurpark ließ ich dem Hund und meinen Tränen freien Lauf. Bei jedem Ruf oder Pfiff rannte er in einem Schuss daher, ohne Unterlass mit seinem Schwanz wedelnd, sprang mit allen vieren in die Luft, bellte in freudiger Erregung und suchte immerzu Augenkontakt mit mir.

Ich wanderte lange herum, um ihm die letzten Stunden Gelegenheit zu geben, in seiner alten Umgebung und seinen vertrauten Jagdgründen herumzutollen.

Aber schließlich war es später Nachmittag geworden, und ich konnte das Undenkbare nicht länger hinauszögern. Ich musste einen Abschluss finden oder ihn wieder mit nach Hause nehmen.

Da ging ich am Rudolfshof in die zerstörte Schupfen, um mir einen Hammer oder ein Stück Eisen zu organisieren, das schwer genug war für meine Zwecke. Ich fand einen Schlögel, gerade richtig, nahm Rigo an die Leine und brachte ihn hinter das Haus, wo ich ihn an einen Baum band. 

Immer noch wedelte er mit seinem Schwanz und schaute mich so treuherzig an, dass mir die Tränen den Blick verdunkelten.

Nun band ich ihn noch enger an den Baum, schlug mit dem Schlögel einmal auf sein Hinterhaupt, und er war tot.

Nachdem ich ihn vom Baum befreit hatte, konnte ich ihn nicht mehr sehen, wie er da leblos im Gras lag, und rannte über Stock und Stein nach Hause, wo ich mich in meiner Schlafecke unter Polster und Decken vergrub.