Oscar-Sitz
Wir stehen vor dem unspektakulären, vollkommen vergessenen Oscar-Sitz, errichtet auf der Anhöhe hinter dem Bienenteich, benannt nach Oscar Alexander Graf Christalnigg zu Gilitzstein, der 1875 bis 1888 Bürgermeister der Stadt Baden war.
In seiner Amtszeit wurden nicht nur die sogenannten Gamingergründe durch die Stadt erworben, es wurden auch die Weingärten am Fuß des Kalvarienberges umgestaltet. Stadtgärtner Schaffhausen nahm die Aufforstung des gesamten Areals in Angriff, und nur darum zeigt sich der Oscar-Sitz heute als stille (und unbeachtete) Oase mitten im Wald. Durch seine politischen Entscheidungen ist Christalnigg im Wesentlichen auch für das Erscheinungsbild des heutigen Kurparks mitverantwortlich.
Das ist auch der einzige Grund, ihn mit einem Besuch dieses Ortes zu ehren, geboten bekommen Sie hier nichts.
Lassen Sie mich noch ein paar Worte verlieren bezüglich seiner Lage hier im Kurpark, damit Sie sich orientieren können. Nördlich der Bank verläuft ein Pfad, der einerseits links hinunter zur Bienenburg bzw. zum Seerosenteich führt, nach rechts aber ziemlich zielstrebig und durchaus gangbar südöstlich abwärts führt und rechts des Béla-Barényi-Sitzes unerkannt in den Josefiweg mündet. Links des Béla-Barényi-Sitzes wiederum führt ebenso unscheinbar ein Steig Richtung Rudolfsweg – es ist jener Steig, auf den wir nach Verlassen des Rudolfsweges gestoßen sind, und von dem abzweigend wir uns hier die letzten Meter herauf zum Oscar-Sitz bewegt haben. Die beiden abgekommenen Wege verlaufen also parallel zwischen Oscar-Sitz und Béla-Barényi-Sitz und waren einst – zumindest was den nördlichen Ast betrifft, der im Gelände deutliche Spuren hinterlassen hat – offenbar häufig begangene Wege, die irgendwann ihrer Bedeutung beraubt wurden.
Hühnerberg („Hennerberg“, „Hiennerperg“)
Diese Erhebung ist Teil des langgestreckten Hühnerberges und heißt hier – entsprechend seiner Funktion – Richtberg. Seinen Namen hat der gesamte Bergrücken nicht von den Hühnern, wie mancher glauben möchte, sondern vom Riesen Hun (bzw. seinen Nachkommen, den „Hünen“), den man als sagenumwobenen Gründer Badens bezeichnet. Es heißt, dass er in den Tiefen des Berges ruht und dort einen unterirdischen See am Auslaufen hindert. Eines Tages aber, so die Sage, wird der See hervorbrechen und die Stadt im Wasser versinken. Denn nach der Legende ist Baden durch warmes Wasser entstanden und wird durch kaltes untergehen (siehe auch „Siegenfelder Weg“).
Nahtlos in diese Legende fügt sich eine Badener Schrift aus dem 18. Jahrhundert, wo es wörtlich heißt:
„Außerhalb des freundlichen Theresienthores (zu Baden) erhebt sich über den nun ganz vernachlässigten Urquellen der Nonbühel, ein wüster Steinkogel, in dessen Inneren vielleicht die geheimnisvolle Kraft waltet, die den Badenern das Schwefelwasser spendet. Der höhlenreiche Nonbühel, obgleich einst bewaldet, ist jetzt eine felsenreiche Erhebung, die gleichsam die Stadt schützt oder bedroht ...“.
Man hatte also Respekt.
Schaffhausen-Denkmal
Nach Querung der Rudolfshofwiese schluckt der Marcellinenweg – oder eigentlich ist es umgekehrt – die Zufahrt zum Rudolfshof, das Ende der Welzergasse.
In dieser Gabelung steht das Denkmal von Josef Schaffhausen. Er war einer der beiden Stadtgärtner, deren Arbeit das gesamte Areal des heutigen Kurparks bzw. des Badener Berges unnachahmlich prägte.
Anfangs verdingte sich Schaffhausen als Gärtnergehilfe in der Weilburg, kam dann auf Grund seines Engagements unter die Fittiche der Gemeinde und begann hier seine beispiellose Karriere – würde man heute sagen. Das Amt eines Stadtgärtners wurde erst Ende der 1870er-Jahre geschaffen. Vorher gab es nur private Parkgärtner, deren Arbeit pauschal von der Kurkommission abgegolten wurde.
Zwischen 1874 und 1896 gelang Schaffhausen, was trotz einiger Versuche niemand zuvor gelungen war: die Aufforstung des Kalvarienberges und der Hand in Hand gehende Beginn des Wegebaus. Er war es, der quasi den Park vorbereitete, den sein Nachfolger Krupka im Anschluss daran gestaltete.
Das Denkmal wurde 1898 von Kurkommission und Badener Verschönerungsverein finanziert (und hier – unweit des Rudolfshofes, als dessen Pächter Schaffhausen vorübergehend ebenfalls fungierte – aufgestellt. Das Kopfrelief wurde vom jungen Bildhauer Ignaz Bergmann geschaffen – unentgeltlich, nur für die Ehre. Das sinnig aus Bruchstein des Badener Berges in Form einer stumpfen Pyramide zusammengefügte Monument trägt eine Inschrift, die Schaffhausens Verdienste entsprechend würdigt. Ursprünglich befand es sich in der Mitte eines kreisrunden Rasenplatzes, der mit Stacheldraht (!) eingefriedet war.
Im Jahre 1919 fiel das Denkmal vandalischer Zerstörungswut und Raublust zum Opfer. Erst im März 1921 versuchte man durch Geldspenden eine Renovierung in die Wege zu leiten. In der damals schon existierenden Buchhandlung Schütze in der Pfarrgasse konnte man um 25 Kronen Gedenkmünzen mit dem Bildnis des ehemaligen Stadtgärtners erwerben, deren Erlös für die Herstellung eines galvanischen Eisengusses – das Originalrelief war aus Bronze – Verwendung finden sollte.
Im November 1924 war es soweit: Die Nachbildung „aus einem Metall, das nicht so wertvoll wie Bronze“, wodurch Schaffhausen „um den Lorbeer und den Eichenzweig gekommen“ (wie die BZ bedauernd vermerkte), wurde eingesetzt.
In nächster Nähe, gleich schräg gegenüber der Einmündung des Faberweges in den Rainerweg zweigt links hinauf ein schmaler, eher unscheinbarer Weg ab, der Rudolf Reichert-Weg, und dieser führt nach einigen Schleifen und wenigen Minuten Gehzeit zur
Ludwig Brunner-Hütte,
die sich auf 410 m Seehöhe im Unterholz versteckt, einst aber, so wie die Faber-Aussicht unbedrängt von Stämmen, am nackten Hang des Mitterbergs lag.
Prof. Kornelius Fleischmann erzählte die Geschichte der Hütte unter Zugriff auf eigenes Erleben.
Ursprünglich wurde die Vorgängerin der bestehenden Hütte nicht lange nach dem 1. Weltkrieg von einem sonderbaren Holzweiblein erbaut, das sich vollkommen verarmt in den Wald zurückgezogen hatte. Der Name der Frau lautete Josefa Ganneshofer. Sie war ursprünglich Mitglied einer bekannten Badener Familie, zählte aber zu jenen damals häufig anzutreffenden Sozialfällen, die unterstands- und beschäftigungslos ohne irgendwelche Absicherung dahinvegetierten.
Hin und wieder konnte man sie sehen, wie sie, zerlumpt und einen sackähnlichen Binkel auf dem Rücken, vor sich hinmurmelnd durch die Straßen der Stadt wankte, eine skurrile, hexenhafte Erscheinung, nahe am sprichwörtlichen Klischee. Am Markt verkaufte sie Gemüse, das sie hinter ihrem Häuschen am Berg mühsam zog. Heute kann man noch in Umrissen den kleinen, gestalteten Garten im hinteren Bereich der Hütte erahnen, dessen Existenz auf die alte Frau zurückgeht. Nicht nur brachte sie sich durch Anpflanzen von Gemüse mühsam über die Runden, nein, sie sammelte auch am Grünen Markt an den Ständen übriggebliebenes Gemüse auf, erbettelte Reste, mit denen sie sich schlecht und recht durchbrachte.
Wenn man das Wort an sie richtete, antwortete sie karg, wenn überhaupt. Da liegt die Einstufung als schrullig nahe. Bedenklich fanden die Leute, dass sie auch im strengsten Winter im Freien campierte oder in Höhlen nächtigte.
Als sie eines Tages bei ihrem Vaterhaus aus Rache elf Fensterscheiben einschlug, steigerten sich die Bedenken.
Das Maß war nahezu voll, als sie Mitte der 1930er-Jahre einen mittelgroßen Wolfshund in ihre Behausung lockte und ihn mit einem stumpfen Taschenmesser meuchelte, um anschließend ein paar Teile zu verzehren. Nicht genug, hatte sie die Tat angekündigt (war aber nicht ernst genommen worden) und bot zum Drüberstreuen anderen Leuten Fleisch des Tieres an. Stimmen wurden laut, die vor der alten Frau warnten. Jene, die sie kannten, hielten sie für geisteskrank. Die Kinder hatten Angst, wenn sie am Weg vor der armseligen Behausung der Alten vorüberzischten.
Aus war der sprichwörtliche Ofen, als die Ganneshofer ein kleines Mädchen in der Grabengasse anplauderte, worauf ihr Versuch, es in den Wald zu ihrer Hütte zu locken, von dessen Eltern angeprangert wurde. Das Schicksal des Hundes stand allen deutlich vor Augen. Die Behörde sah sich gezwungen, endlich einzugreifen. Die Polizei holte die alte Ganneshofer ab, überführte sie in die geschlossene Anstalt Mauer-Öhling, und über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.
Ludwig Brunner, auf dessen Namen die neu adaptierte Hütte heute lautet, war Gemeinderat in Baden, Obmann des Arbeiter-Gesangsvereins „Freiheit“ und Ehrenmitglied des Touristenvereins „Die Naturfreunde“.
Letztere haben im Jahre 1949 – ein Jahr nach dem Tod Brunners – diese Schutzhütte neu errichtet. Heute liegt sie so verborgen im Wald, dass man sie immer noch für ein Hexenhäuschen halten könnte. Damals, als die Bäume noch nicht so hochgewachsen waren, aber der Wald schon flächendeckender als bei der Errichtung der Faber-Höhe fünfzig Jahre vorher, bestand hier Blickkontakt mit der Stadt, man kann sich nur wundern.
Das ganze Terrain ist bedauernswert hinfällig, aber noch immer gilt: Wer Zuflucht sucht vor Wind und Wetter, kann hier übernachten, weil Bank und Tisch und Decken und Schloss an der Tür wohlige Sicherheit gewährleisten.
Die Bänke im Vorfeld der Hütte, früher häufig, in letzter Zeit seltener Ziel kleiner Wanderungen und Ort gemütlicher Picknicks, haben den Widrigkeiten der Zeit nicht getrotzt und sind teils bis unter die Nutzungsmöglichkeit verwahrlost. Ein um die zentrale Gedenkstätte aus Steinen errichtetes Halbrund, das den Platz gegen allzuviel Öffentlichkeit abriegelt, schreit nur mehr Verfall.
Das „Rote Kreuz“ von Gaaden
Die halblinke Straße hingegen führt am Rand der großen Wiese im lichten Wald weiter. Nach wenigen Schritten stößt man zwischen Weg und Wiese im schmalen Waldgürtel auf das RoteKreuz von Gaaden. Es ist ein bescheidenes, aber stabiles weinrotes Holzkreuz, mit einem schmalen Dach, einst mit einem vom Alter gespaltenen Christus am Kreuz, mittlerweile durch einen neuen Erlöser aus Metall ersetzt, spartanisch gewürdigt durch eine rote Rose aus Plastik. Davor Tisch und Sitzbank für müde Wanderer. Wäre nicht die Straße 200 Meter entfernt mit ihrem unablässigen Verkehr, ein lauschiger Platz.
Die ruhige Lage täuscht aber. Sie stehen hier direkt am alten Heiligenkreuzer Grangienweg (sprich: ein Wirtschaftsweg) vom Stift nach Thallern, Münchendorf und Trumau.
In alter Zeit, so erzählt man, war Baden von einem tiefen Wald umgeben, in dem es von wildem Getier nur so wimmelte. Und mitten in diesem schaurigen Wald stand ein greulicher Totenbaum. Seine knorrigen Äste trugen statt der Eicheln Totenköpfe, sein Stamm aber hatte die Gestalt eines fürchterlichen Riesen und versetzte mit seinen großen, roten Augen alle Menschen in Schrecken.
Als nun Kaiser Karl auf seinem Zug gegen die Ungarn nach Baden kam, ließ er die Totenköpfe vom Baum abnehmen und christlich bestatten. Auch schlug man dem Ungeheuer die roten Augen aus, und zuletzt befahl der Kaiser: „Schlagt ein großes Kreuz in den Stamm, zum Zeichen dafür, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die verblendeten Heiden ihren Götzen Menschenopfer darbrachten!“
So geschah es. Und siehe da, der Baum wuchs weiter, trug Eicheln und Blätter wie jeder andere Baum auch. Das Kreuz aber ließ man als Andenken an die schrecklichen roten Augen des Ungeheuers mit roter Farbe anmalen.
Damals entstand angeblich die Sitte, alle Wegkreuze rot zu färben.
Der Name Rotes Kreuz muss aber nicht zwangsläufig von der Farbe hergeleitet werden. In früheren Zeiten war ein Kreuz oft Sammelpunkt von Bauern, die sich an solch einem markanten, spricht „Kreuzungspunkt“, bei herannahender Gefahr „zusammengerottet“ haben, wonach die Bezeichnung dann richtiger „Rottenkreuz“ lauten müsste.
Es kann auch ein Kreuz gemeint sein, das einem mehr oder minder genau definierten Gebiet „dient“, dann wenn man „Rotte“ im Sinn von Nachbarschaft, gesellschaftliches Umfeld, versteht. Dazu die beinahe ehrenrührige Überlegung, dass eine Herde Schweine, die sich zusammendrängt, korrekt als „Rotte“ bezeichnet wird.
Eine Überlieferung besagt, dass Gläubige im ausgehenden 18. Jahrhundert an diesem Kreuz Trost von einem frommen Einsiedler namens Quido (tschechisch für „Guido“) empfangen hätten, es kann sich aber auch um einen Büßer aus dem Haselgraben handeln.
Die Volkserinnerung lässt sich nicht festnageln.
Ein gelb leuchtender Grenzstein aus dem Jahr 1871 mit zwei gekreuzten Schlüsseln, dem Symbol des Stiftes Melk (die Schlüssel des Hl. Petrus!), duckt sich zwei Schritte vom Christus entfernt im Unterholz und verleitet zur Überlegung, welche Schlüssel zum Wegsperren von Gedanken taugen. Vielleicht war man als Kind dem Leben näher. Da brauchte man wohl nur einen Schritt zu gehen...! Und jetzt steht man da, weiß nicht wo und ob es nicht von hier aus längst zu weit ist zum Gehen...