Der Rat
Franz Spörk steckte zwischen 1920 und 1958 in der Isabellastraße 67 aus. Er war ein einfacher Weinhauer, aber seine Gattin Elisabeth, Lisi-Tant genannt, war sehr belesen, und er lehnte sich daher gerne an ihre Meinung an, was in diesen Zeiten eher seltene Gepflogenheit war. Die Herren der Schöpfung wollten damals immer Recht behalten, was sich heutzutage ja grundlegend geändert hat.
Franz Spörk war also nicht der Gebildetsten einer, aber er betätigte sich politisch und wurde in Zeiten, wo Hauer dominierten, in den Gemeinderat gewählt (Anmerkung des Autors: Zwischen 1900 und 1950 gab es im Badener Gemeinderat rund zwanzig Hauer, mehr braucht man über den Stellenwert der Winzer nicht zu sagen), und dort mussten natürlich Entscheidungen gefällt werden, und zwar ausschließlich von Männern. Das war für Franz keine geringe Belastung, weil sein Sicherheitsnetz nicht aufgespannt war.
Immer, wenn es im Gemeinderat zum Beschluss kam und gefragt wurde, wer ist dafür, wer ist dagegen, fühlte Franz sich auf dem falschen Fuß erwischt, und er erhob sich und sprach: „Meine Herren, des kaun i jetzt net sogn, do muaß i erst mei Frau, die Lisi, frogn.“
Logisch, dass er nur eine Periode in dem Gremium verbrachte.
Scheiß drauf
In den 1930ern führte Jakob Böheimer, den seine Gäste „Jogl“ riefen, einen kleinen Heurigen in der Isabellastraße 63. Es handelte sich um ein kleines Lokal und angeblich waren selten Leute zu Gast, weil der Rahmen nicht ausufernd attraktiv war.
Eines Tages steckte er wieder aus, und da er ein gesprächiger Mensch war, unterhielt er sich gerne mit den Gästen. An diesem Tag passte er auf sein Enkerl auf und balancierte es auf dem Arm, als er ein Viertel Wein servierte. Wie üblich wechselte er einige Worte mit den beiden Gästen, und zwangsläufig rückte das Kleinkind, das er sorgsam an seine Brust gedrückt hielt, ins Zentrum des Interesses. Die Kinder hatten damals nur ein Rockerl (Röckchen) an, Windeln waren noch nicht allgemein gebräuchlich.
Der Wirt war stolz auf seine Enkelin und ermunterte: „Na Maridl, zag, wosd kaunst!“
Die Kleine zeigte, was sie konnte, und in diesem Augenblick war es Stuhlgang. Obwohl der „Jogl“ rasch reagierte, verirrte sich ein Batzel auf die Tischplatte. Böheimer, nicht faul, stellte das Kind ab, wischte die Exkremente ohne weitere Umstände mit der Hand weg und diesselbe am Fiata (seinem Schurz) ab.
Die Leute hatten augenblicklich genug getrunken, erhoben sich und drängten in Richtung Ausgang.
Auf Verständnis stießen sie nicht gerade, Böheimer rief ihnen nach: „Na, meine Herrschoften, wegen dem bissl Scheißdreck werd’s do net glei geh?“
Unser letzter Kratochwille
Zumindest in ganz Weikersdorf und bei den Heurigen war er bekannt wie ein bunter Hund: der Straßenkehrer Kratochwil. Im Winter kam er meistens Schneeschaufeln, es lagen ja oft eineinhalb Meter Schnee in diesen Wintern vor sechzig, siebzig Jahren.
Sagte Kratochwil zum Heurigenwirt in der Probusgasse: „Herr Spörk, i schaufe scho eine!“ und schaufelte den Eingang frei bis zur Tür auf privatem Grund.
Als Dankschön bekam er immer ein Stamperl „Wein“, aber es handelte sich natürlich um Tresternschnaps, den die Hauer selbst brannten. Solcherart aufgewärmt, setzte er dann seine Tour fort.
Kratochwil wohnte oben beim Steinbruch in der gleichnamigen Gasse und war so etwas wie ein Analphabet, er konnte nicht lesen, und mit seiner Bildung war es auch nicht weit her.
Eines Tages, noch in jüngeren Jahren (vor dem 2. Weltkrieg), bekam er ein Grammophon geschenkt, sowie einige Schellacks. Darüber freute er sich wie ein Schneekönig, immerhin waren seinerzeit nur wenige Menschen technisch hochgerüstet. Radio hatten schon viele, aber Plattenspieler, das zählte als purer Luxus.
Vor seinem Haus führte die Sandstraße vorüber, auf der am Wochenende die Leute gerne im Feitogsgwaund (Feiertagsgewand) promenierten, und Kratochwil konnte nicht widerstehen, mit seinem Besitz zu protzen.
Er platzierte das Grammophon auf dem Fensterbrett, legte eine Schellack auf den Plattenteller, zog auf und setzte den Tonabnehmer auf die Scheibe.
Da Kratochwil des Lesens nicht kundig war, konnte er nicht ahnen, was ihm (und natürlich den Passanten) zu Ohren kommen würde. Es war ein Schlager, und der typische 1930er-Titel, der auch als gesungene Textzeile relevant war, lautete: „Ach Kratochwil, was machst du für blöde Gesichter?“
Das konnte sich Kratochwil angesichts seiner überraschenden Bloßstellung vor paradierenden Nachbarn nicht bieten lassen. Er packte das Grammophon und schleuderte es wutentbrannt auf die Straße, genau vor die Füße der Passanten, und wir wissen nicht, welche Begleitmelodie seinen Lippen entsprang.
Jahre später, nach dem Krieg, war er zur Befehlsausgabe auf der Gemeinde am Hauptplatz. Im Büro gab es bereits Telefon und es tat, wie ihm geheißen und läutete. Der zuständige Beamte war gerade beschäftigt und herrschte Kratochwil an: „Heb oh!“
Kratochwil, der vom Telefon soviel Ahnung hatte wie ein Ross von der Tiefsee, war etwas verdattert: „Na, wos soll i denn sogn?“
Der Beamte, genervt: „Schrei eine, wos d’ wüst!“
Daraufhin hob Kratochwil den Hörer ab und rief in die Muschel: „Schrei eine, wos d’ wüst!“
Und legte auf.
Koa Zeit
Es existierte ein eigener Typ unter den Weinhauern, der ollawäu später aus den Federn kroch als die anderen Hauer, und damit natürlich im blanken Widerspruch stand zu Alphatierchen unter den Hauern wie Leopold Breinschmid, der mittlerweile zu einer Ikone der Badener Heurigenwirte aufgestiegen war. Jener zählte meistens schon um neun, halb zehn zu den Gästen des Heurigens Spörk, natürlich noch im Schurz.
Breinschmid setzte sich niemals nieder. Breitbeinig, mitten im Hof stehend, konversierte er in alle Richtungen mit dem Glas in der Hand, unüberhörbar mit seiner sonoren Stimme. Er hieß alles Mögliche gut, lobte den einen oder anderen, aber wichtig war: ER kommt schon von der Arbeit, ER hat seinen Weingarten schon bestellt, SEIN Tagespensum ist bereits erledigt, und zwar um NEUN: „Wäu wenn’s haß wird, braucht ma nimmer in Weichart geh!“
Der eingangs erwähnte Hauer war der genaue Gegenentwurf zum Erfolgsmodell Breinschmid, der mit seiner These „Wer in der Früh eine Stunde verliert, sucht sie den ganzen Tag!“ auch in der Gemeindepolitik die Nase vorn hatte.
Der Spätaufsteher tänzelte natürlich umso später im Weingarten an, nämlich dann, wenn die Sonne schon brannte, und dann strudelte er sich furchtbar ab und schusselte, und sein Leitmotiv lautete: „Koa Zeit!“
Besonders eindrucksvoll bewies er die Schwäche seiner Zeiteinteilung eines schönen Tages, als er zu späterer Stunde ankam als üblich. Die Hauer vom Nachbarweingarten, die (noch) draußen arbeiteten, hörten ihn plötzlich in unangemessener Lautstärke schimpfen: „Eh koa Zeit net, und jetzt muass i scho wieder scheißen geh!“
Der „hüpfende“ Traktor
Nicht nur die Kalkbauern aus Sattelbach ließen ihre Pferde stundenlang vor der Tür eines Heurigens stehen, bevor sie dann endlich des Nachts stark angeheitert auf den Bock kletterten und sich mit einer schaukelnden Laterne am Wagen von den Tieren, die blind den Weg fanden, heimbringen ließen.
Es gab auch modernere Epigonen. Am Haidhof wohnte ein Mann, in dessen Besitz sich einer dieser damals beliebten, robusten Hanomag-Traktoren mit Schwungscheibe befand. Wenn er den Heurigen besuchte, stellte er den Traktor so nahe wie möglich zum Eingang, ließ ihn aber während der ganzen Zeit seines Aufenthalts im Lokal mit laufendem Motor stehen, weil er Angst hatte, der Motor würde nicht mehr anspringen.
Karl Gruber jun. erinnert sich, wie er als Kind Ende der 1950er bewundernd davor stand und dem schnaubenden Traktor beim „Hüpfen“ zuschaute. Das fortgesetzte Tuckern im Stand versetzte den Traktor nach und nach, und wenn sein Besitzer endlich herbeiwankte, hatte sich das Fahrzeug bis fast in die Straßenmitte vorgearbeitet, um nicht zu sagen, verselbständigt.
Hörfehler
Beim Heurigen Spörk am Kaiser Franz Josef-Ring 27 ist einiges los, entsprechend ist die Lärmkulisse.
Ein Gast fragt die Wirtin hinter der Budel: „Wo haum S’ denn die Toilette?“
Friederike Spörk versteht: „Wo haum S’ denn die Soletti?“
Die Salzstangerl sind aus, aber die Wirtin weiß, bald wird die Schütz Anni eintreffen, die Süßigkeiten und allerlei Knabbergebäck zum Verkauf mitbringt, und sie beruhigt den Gast: „Leider, haum ma net. Oba es kummt daun eh a Frau mit an Körberl!“
Exit
Ende der 1970er trat ein Betrunkener bei Alois Schwabl vom Franzensring durch das große Tor in den Innenhof, wo eine Tür nach rechts ins Lokal führte. Zum Heurigen geht man nicht, um nüchtener zu werden, und dieser Vorgabe wurde der Mann mehr als gerecht.
Als er nach seinem Besuch das Lokal wieder verließ, um heimzugehen, eröffnete sich eine unüberwindliche Barriere. Er hatte die Tür hinter sich gelassen, blieb vor der gegenüberliegenden Hofmauer stehen und sinnierte: „Do bin i jo einagaunga! Wieso is do ka Türl? I bin doch do einagauna! Wieso is’n do nocha ka Türl?“
Er wiederholte die Worte ein ums andere Mal, wie ein Mantra, fast schluchzend, und tastete die Mauer ab auf der Suche nach dem Ausgang. Fühlte er sich eingemauert?
Eventuell hätte er nur den Kopf drehen müssen und/oder links abbiegen und hindernisfrei – soweit nicht für Alkoholiker ein ebener Weg detto ein Hindernis darstellt – durchs große Tor auf die Straße hinausmarschieren oder eben torkeln. Allerdings war er total fixiert auf die falsche Stelle, mit einem Horizont, verschlankt auf den Tunnelblick des Betrunkenen.
Die Wirtin versuchte dezent die Möglichkeit des real existierenden Eingangs ins Spiel zu bringen, scheiterte aber, denn ihr Hinweis stieß auf zungenschwere Bockigkeit: „Na, i bin do einagauna, und do wü i wieder auße!“
Irgendwo im Garten liegt ein Skelett.