Zärtlichkeiten
Die alte Frau stapft langsam
durch den frisch gefallenen Schnee
zum Grab.
Theobald, ich bin da ...
Mit klammigen Fingern
öffnet sie die Grablaterne,
entnimmt ihrer schwarzen Tasche
ein rotes Grablicht,
versucht es zu entzünden.
Die ungelenken Finger folgen nicht recht.
Zu ihren Füßen
sammeln sich verbrauchte Streichhölzer.
Jetzt, jetzt reißt es an,
jetzt springt die Flamme auf die Kerze über.
Es ist kalt,
und auf der Galerie umstehender Bäume
sitzen die Krähen und warten.
Heute Abend werde ich mir eine Suppe gönnen, Theo,
ganz heiß für die steifen Gelenke
- mein Magen wird rebellieren!
Mit Erdäpfeln und Kräutern.
Das war deine Lieblingssuppe
- früher.
Wie oft habe ich seither ohne dich gegessen ...
Sie zieht den Mantelkragen
ein wenig ins Gesicht,
denn Wind ist aufgekommen.
Noch ein Vaterunser ...
Und dann nach Hause,
hin zum Ofen, wo wir gesessen haben,
wir zwei.
Du hast Zeitung gelesen,
ich habe gestrickt.
Und plötzlich hast du die Zeitung
zusammengefaltet,
die Brille abgenommen
und deine Hand auf meine gelegt.
Gegrüßet seist du, Maria ...
Ruhig brennt das Licht.
Schhh, schhh, macht der Wind,
und singt sein Wiegenlied.
Schnee staubt von den Ästen
ihr ins Gesicht, in die Haare
- tausend winzige Berührungen!
Wenn das kein Streicheln ist ...
Mich hast du gestreichelt
vor langer Zeit,
und es war gut und warm
zwischen Suppe und Ofen und Schlaf.
Jetzt noch an dich kuscheln,
eingehüllt
in weiche Federn
und sanft hinübergleiten.
Aus grauem Himmel
beginnt sachte Schnee zu fallen.
Irgendwann einmal
tanzt unruhig die Flamme.
Krähen fliegen nacheinander auf,
ein ganzer Schwarm,
der sich aus den Bäumen erhebt
und in den Himmel zieht ...
Als alle verschwunden sind,
erhebt sich eine einzelne Krähe
und folgt dem Schwarm
mit raschen Flügelschlägen.
Schon halb von Schnee bedeckt
liegt eine dunkle, zerbrochene Gestalt
über dem Grab mit dem Licht
und träumt der letzten Zärtlichkeit
hinterher.
Besuch einer Droschke
Ein Sturm wilder Blätter
fegt hin über Gräber.
Ein Baum erhebt sich,
wird drohend Gestalt.
Es tanzen die Grabsteine
eng umschlungen
im wuchernden Parkett.
Der Mond rast hinter Wolken vorbei
- ein bleiches Stroboskop,
in dessen Licht
Äste in ihrem Wahnsinn zucken!
Die Frau steht regungslos,
das Wickelkind im Arm.
Der Sturm sucht sie
mit sanfter Seide zu erdrosseln,
zerrt am Schal.
Im Brausen und im Toben
nähern sich unsichtbar
rasselnde Räder.
Die schwarze Droschke
taucht aus dem Wetter,
ein bleicher Kutscher
vorn am Bock,
ragt hoch auf in die Elemente
und kommt zum Stehen
als trotzig dunkle Burg
konkreter Ängste.
Die Frau, sie zögert
mit den Schritten
am Nichtplatz ihres Lebens,
und tut sie doch.
Es tropfen Ewigkeiten.
Dem Schweigen ausgeliefert
stemmt sie das Kind
empor zur Fahrgastzelle.
Aus dem Innern
stoßen Unterarme wie Äxte,
krallen sich in den warmen Leib
und spalten das Leben entzwei.
Die Seide verweht in den Wind,
das Kind
ist in den Rachen gesunken.
Die Droschke hat nicht Gesicht,
nicht Schnalle, nicht Schloss
- und nie, und niemals Wiederkehr!
Die Rappen schnauben fahles Licht
und rucken an.
Ein Funken schlägt, die Räder
- Schicksalsräder -
rollen.
Die Droschke verblasst zwischen
Gitterstäben,
die einst ein Friedhofstor gewesen.
Der Seidenschal treibt
hinunter die Straße
und findet sich
im Abbild der rasenden Wolken
am Grund einer Pfütze.
Man hat das Kind gefunden.
Im Müll!
Es war schon lange tot
und kalt.
Seine Mutter erzählt
wirre Dinge.
Man findet sie
am seidenen Faden
eines Morgens um acht.
Mord
Der grüne Strich einer Florfliege
hat sich auf dem Kerzenschaft niedergelassen,
und heißes Wachs
ist über die fein geäderten Flügel geflossen.
Das Tier lebt
und bewegt Fühler.
Eine feige Attacke gegen die Mobilität
des Tieres,
denn der schlanke Körper ist ungeschoren geblieben.
Die Flamme brennt langsam näher,
das Lebewesen ins rote Auge fassend.
Ich löse das Tier von der Kerze ab,
aber das Wachs ist mit den filigranen Flügeln
eine feste Verbindung eingegangen.
Ich muss es töten, das wehrlose Tier.
Welch ungerechte Verteilung der Chancen!
Ich kann m i c h benützen ...
Ich schlage hin, und nochmals ...
und nochmals.
Das Tier fällt auf den Teppich.
Ich kehre es behutsam auf Papier.
Das Tier läuft
und schleppt das erstarrte Wachs mit sich.
Ich schlage dreimal zu,
zweimal daneben,
bedingt durch Widerwillen.
Ein Schaden zeigt sich am Flügelpaar.
Des Tieres Augen sind schwarz,
die Fühler zittern,
und das Tier bewegt sich auf den Ausgang zu.
Es gibt keinen Ausgang ...
Mir ist übel.
Warum krepiert dieses Tier nicht?
Warum muss es leiden?
Ich schlage zu, und nochmals, und wieder.
Da liegt das Wachs und das Flügelpaar,
das abgerissene
- hier liegt der Körper.
Die Fühler bewegen sich,
und das verkrüppelte Fragment des Körpers kriecht.
Der Ekel ist nun ungeheuer
- gleich muss ich mich übergeben!
Ich weine beinahe vor Scham.
Es kostet zuviel Überwindung,
ein weiteres Mal zuzuschlagen.
Ich werfe den zuckenden Überrest
hinaus in die Kälte.
Die Mörderhände zittern,
alles zittert.
Die Flamme brennt ruhig.
Pflegende Engel
Manche sterben, wenn der Himmel himmelblau ist,
manche, wenn es Tränen regnet.
Manche gehen im Spätherbst, wenn scheinbar alles stirbt,
manche brechen im Frühjahr auf – wie die Knospen –
manche am Morgen,
weil sie noch einen weiten Weg vor sich haben,
manche am Abend, wenn die Wolken noch rosa sind,
aber die Nacht schon wartet.
Alle, sobald sie die Schwelle überschreiten,
werden von den Engeln abgeholt,
aber manche haben das große Glück,
dass Engel sie begleiten,
noch ehe sie zum letzten Mal einatmen.