Liebesbriefe aus dem Weingarten

Vor dem ersten Weltkrieg wurden die Badener Hauer zwischen April und Oktober bei der Weingartenarbeit von burgenländischen Mädchen unterstützt. Man nannte die Leute aus dieser Gegend „Heinzen“ (im Dialekt „Heanzn“). 

Die Papst Reserl war auch so ein Mädchen aus dem damaligen Ungarn. Sie stammte aus Markt Allhau und hatte zu Hause einen Verehrer, aber auch eine gute Freundin. Der Kontakt wurde in Vortelekommunikationszeiten natürlich auf dem einzigen möglichen Weg abgewickelt, nämlich mittels herkömmlicher Post. 

In dem Mädchen schlummerte ein Wesen voll Poesie, und abends nach der täglichen harten Arbeit, wenn sie den nahe stehenden Menschen ihre Gedanken und Wünsche und Träume zukommen ließ, stellte sie ans Ende eines jeden Briefes einen Vers.

Schrieb Reserl an den Geliebten, lautete der Spruch zum Beispiel:

 

„Seifenblasen, rohes Ei, 

brechen – ach! – wie leicht entzwei,

aber uns’re Liebe hält,

bis das Herz in Staub zerfällt!“

 

Ging der Brief an die Freundin, klang es anders, aber die Botschaft der Liebe war die gleiche:

 

„Wenn die Königin Kartoffel pflanzt,

der Tod auf den Gräbern tanzt,

und die Donau fließt in den Rhein,

hör’ ich auf, deine Freundin zu sein.“

 

Wo ist nur diese Romantik geblieben?

 

Der Zurrini-Schuster

Der Zurrini-Schuster war Schuhmacher, aber damit wurde er nicht berühmt. Berühmt wurde er, weil er beim Heurigen Gläser zerbiss, was gefährlich und dumm war. Er biss auch Kröten oder Mäusen den Kopf ab, was weniger gefährlich, dafür aber unappetitlich war. 

Peter Zurrini trank gern, hatte aber wenig Geld. Das war sein Problem. Für ein Viertel Wein war er bereit, das Ekelempfinden der Gäste coram publico anzuheizen. Und die Leute forderten ihn gern heraus: Um die abscheuliche Exhibition zu sehen, brachten sie vorsorglich manches lebende Getier mit, Peter vollzog willig das Ritual, und dann erfreute er sich an seiner flüssigen Belohnung. 

Der Klügste war er nicht. Man erzählt sich, dass er einmal bei Breinschmid am Römerberg die Senkgrube putzte. Während er unten in der Latrine stand und Scheiße schaufelte, überkam ihn der Durst, und er artikulierte lautstark den Wunsch nach einem Viertel Wein. 

Die alte Frau Breinschmid reichte ihm wenig später ein reines Glas mit Wein hinunter, und Peter Zurrini wischte, wie er es gewohnt war, mit der Hand den Rand des Glases ab. 

An dieser Stelle muss man ausdrücklich darauf hinweisen, dass seinerzeit den Hauern keine Wasserleitung zur Verfügung stand. Also wurde jedes Glas immer in einer Lavoir mit demselben Wasser gereinigt, und die Leute ließen sich vorzugsweise in „ihr“ Glas nachschenken. „Ihr“ Glas wurde es, wenn sie es bei der ersten Bestellung dort, wo der Mund mit dem Glas in Kontakt getreten war, mit Daumen und Zeigefinger abwischten, um der Hygiene Genüge zu tun. Ob der Peter in der Senkgrube sein Glas mit dieser Routinehandbewegung tatsächlich gereinigt hat, wollen wir gar nicht zu intensiv überlegen. 

Dass er kein großes Geisteskind war, stellte er öfter unter Beweis.

Einmal redete ihn der Förster an, ob er helfen wolle, im Wald einen Flecken Holz aufzuarbeiten. 

„Geh, hilf uns, du kriegst elfhundert Schilling!“, lockte der Förster, aber Peter Zurrini schüttelte unwillig sein Haupt und verlegte sich wie ein echter Profi auf’s Verhandeln: „Nein: Unter tausend mach ich‘s nicht!“ 

Der letztere Vorfall dürfte sich um 1950 zugetragen haben, aber das Schädelabbeißen könnte auch in die unrühmlichen 1930er-Jahre datiert werden. Das war überhaupt eine brutale Zeit.

Wie gesagt auch für Gläser: Zurrini pflegte sie zu zerbeißen und hinunterzuschlucken. 

Im Publikum gab es einen wissbegierigen Arzt, der offenbar von der Darbietung schwer beeindruckt war und Zurrini überredete, ihm seinen Magen zu vererben, damit er ihn studieren könne. Zurrini sagte zu, aber der Arzt musste frühzeitig seinen Anspruch aufgeben, weil er starb.

Ein zweiter Arzt, der sich ebenfalls um Zurrinis Magen bemühte, scheiterte in gleicher Weise. Zurrini überlebte ihn. 

Erst der dritte konnte einen Erfolg feiern und bekam den Magen, nachdem der Gläserbeißer endlich das Zeitliche gesegnet hatte, aber wie wir aus der Medizingeschichte wissen, ist Zurrini nicht in sie eingegangen. 

Wahrscheinlich hatte er einen normalen Magen, aber die Ärzte vertrugen nichts.

 

Philosophische Tiefen

Zu zweit saßen sie eines Abends zusammen. Der Männerschwatz, mit dem sie begonnen hatten, geriet von Glas zu Glas tiefsinniger. Waren es vorerst nur kurz gehaltene Bemerkungen zu den Tagesereignissen gewesen, die sie austauschten, so glitt das Gespräch bald in den Bereich der Seltsamkeiten des Lebens in Sitten und Schicksalen, und endlich hob sie eine transzendale Welle zur Philosophie hinüber, dorthin, wo sie am schwersten verständlich wird: Sie gaukelten genießerisch zwischen Pythagoras und Heraklit hin und her, mit gelegentlich koketten Seitenblicken auf die Eleusinischen Mysterien und auf die Gnostik, sie verbissen sich ins Asiatische und zerrten einen taoistischen Patriarchen nach dem anderen ans Tages- oder vielmehr ins Abendlicht. 

Nichtsdestoweniger verstanden die beiden einander ausgezeichnet, wozu vielleicht der Umstand, dass beide schon etwas undeutlich redeten, wesentlich beitrug.

Da fiel unversehens, ganz unklar in welchem Zusammenhang, das Wort „einwandfrei“.

Der eine unterbrach die tiefsinnigen Betrachtungen.

„Du Koarl“, sprach er bedeutsam, „weißt du, dass man einwandfrei vierfach steigern kann?“

Der andere betrachtete sein Gegenüber grüblerisch, murmelte endlich: „Wieso?“

„Na – einwandfrei“, erläuterte der eine fingerspreizend, „zweiwandfrei, dreiwandfrei, vierwandfrei.“

Das Gesicht des anderen erhellte sich und er zog mit der Hand eine gewaltige Waagrechte durch den Kosmos.

„Vierwandfrei ist die Ewigkeit“, erklärte er kategorisch.

Da hob der erste ehrfurchtsvoll den Blick, der verklärte. „Das ist orphisch. Nicht mehr reden, nur noch trinken.“

Und so saßen sie noch lange Zeit schweigend, tranken und brüteten über dem geheimnisvollen Ursatz: Vierwandfrei ist die Ewigkeit.

 

Als österreichische Fußballer noch als Sieger vom Feld gingen – oder so

Um 1960 war einmal die ganze Nationalmannschaft nach dem Besuch der Trabrennbahn beim Hain in der Neustiftgasse 33. 

Es war Herbst unter dem Nussbaum, es gab Sturm zu trinken, und die Burschen von Teamchef Frühwirth, darunter Gernot Fraydl, Hans Buzek, Horst Nemec, Rudi Flögel, Karl Decker, Erich Hof, Franz Hasil, Gustl Starek und wie sie alle hießen, sprachen dem Getränk ausgiebig zu. Anderntags schlugen sie die CSSR (die einstige Tschechoslowakei) souverän 6:1. 

Es gibt ja acht Millionen Teamchefs im Lande, aber wenn man meinen geschätzten Rat in Betracht ziehen will,....empfehle ich, Sturm als legales Doping ins Auge zu fassen, damit es im Sturm wieder funktioniert.

Aber halt!

Eine bislang überhaupt nicht in Betracht gezogene Strategie vermittelt uns das Beispiel des ehemaligen Kammersängers Karl Terkal, der beim Kartenspiel immer als Gewinner hervorgehen wollte. Um den Sieg sicherzustellen, drohte er im Falle seiner Niederlage nicht mehr anzutreten – was rede ich da? – nicht mehr zum Heurigen zu kommen.

Mit Sicherheit ganz falsch gemacht hat es Anton Märzweiler im Jahre 1979, als er für die Spieler des damaligen Fußballweltmeisters Argentinien im Streiterhof ein Fest ausrichtete. Bei dieser Gelegenheit dürften die Fußballer dermaßen Kalorien eingeworfen haben, dass sie beim darauffolgenden Ländermatch die Österreicher mit 5:1 vernichteten.

Sehr geehrter Herr Märzweiler, ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber das war Hochverrat.

 

Verstimmte Instrumente

Es war Mitte der 1960er-Jahre, Faschingszeit, es war kalt, bei den Heurigen bullerten die Holzöfen. Die Leute vom E-Werk, unter ihnen Willi Schuster und Karl Gruber, der Posaunist der „Badener Heurigenbuam“, fanden sich im Heurigenlokal Wilhelm am Kaiser-Franz-Josef-Ring ein. 

Im Zuge frohgemuter Unterhaltung und unter zunehmenden Einfluss des starken Weines trat die spontane Idee, eine Musikkapelle zusammenzustellen, ans Licht der Welt.

Keine echte natürlich, sondern eine, die Kochtöpfe als Trommeln benutzt, Topfdeckel als Tschinellen, Schneidbretter als Hackbretter, Besteck sowie anderen Utensilien aus der Küche, die als Rhythmusinstrumente taugten, weil sie herrlichen Lärm verursachen. Dazu imitierten die frisch gebackenen Musiker (inklusive des einzig echten) mit ihren tiefen Stimmen den Klang diverser Musikinstrumente, was weniger als Gesang zu deuten war, sondern mehr für den gewissen Klangteppich sorgte.

Margarethe“, riefen sie zur Frau des Heurigenwirts, „du musst uns aus der Kuchl vom Kessel die gaunz großen Kochlöffel bringen. Wir brauchen an Schwengel für die große Pauke!“ 

Andere Gäste des Lokals wurden, ob sie wollten oder nicht, ins Geschehen miteinbezogen, es war eine richtige Hetz, die Kapelle nahm Gestalt an. 

Das Lautgewitter dauerte allerdings nicht übermäßig lange, denn auf einmal nahm Karl Gruber alle Kochlöffel an sich, öffnete die Ofenklappe und beförderte sie in die wabernde Glut. 

Die Wirtin heulte auf: „Bist deppat, warum hazt denn die Kochlöffel ei’?“ 

„Jo“, zuckte Gruber die Achseln, „die san olle verstimmt! Mit de kauma net spün.“

 

Die Trichterprobe

Bei lustigen Schankrunden, die gerne zustande kommen, wenn einige Personen noch ein letztes Fluchtachterl konsumieren, kommt gerne die sogenannte Trichterprobe zustande. Es handelt sich um ein Geschicklichkeitsspiel, bei dem einer Person – vorwiegend sind es Männer – ein blecherner Trichter in den Gürtel gesteckt wird. Sodann wird auf die Stirn des Betreffenden eine Münze platziert, die dieser mit Geschick von dort in den Trichter plumpsen lassen soll. Zu diesem Behufe ist es notwendig, den in den Nacken gelegten Kopf entsprechend vorsichtig und bei möglichst eingezogenem Hals nach vorn zu neigen, damit die Münze in den Trichter trifft. Natürlich soll das Geldstück nicht herausspringen und auf den Boden fallen, sonst ist der Versuch gescheitert, und der Unglücksrabe zahlt eine Runde. 

Üblicherweise gibt es aber ein paar Probedurchgänge, wo das „Opfer“ entsprechend geneckt wird. Zum Beispiel drückt man die Münze fest auf die Haut, nimmt sie aber dann weg. Durch den intensiven Druck bleibt das Gefühl, das Geldstück befände sich noch auf der Stirn, und natürlich krümmen sich die Zuschauer schon vor Lachen, wenn der Betroffene immer noch verzweifelt versucht, es vom Kopf hinunterrutschen zu lassen. 

Aber wenn dann alle Probedurchgänge absolviert sind, wird es ernst, denn nun „gilt’s“. Die Münze wird erneut auf die Stirn des konzentrierten Kandidaten gelegt, und in diesem Moment greift der Wirt ohne Umschweife zur vorbereiteten Wasserflasche und gießt den Inhalt sturzartig in den Trichter. 

Was soll ich Ihnen ausmalen? 

Einer der Probanden riss sich die Hose im Schock vor dem versammelten Heurigenpublikum hinunter, und es zeigte sich, er war ein Mann.

Eines der Opfer, es muss ein gewaltiger Schlawiner gewesen sein, kam auf den Gedanken, die erlittene Schmach auch seiner Lebensgefährtin angedeihen zu lassen. Diese, eine lebensfrohe Kellnerin, willigte – natürlich das dicke Ende nicht ahnend – ein, das Kunststück zu versuchen. 

Das gesamte Ritual wurde wie üblich abgespult, zuletzt goss ihr der Wirt das Wasser hinter den Rock. Das ganze Geschehen – man kann es gar nicht anders bezeichnen – entgleiste völlig und verließ die Bahnen jeglicher gesellschaftlichen Konvention. 

Die junge Frau entledigte sich – offenbar befand sie sich schon in überaus heiterer Stimmung – ihres plitschnassen Rockes, und zum Gaudium aller Anwesenden ging ihr Freund daran, ihren nassen Intimbereich mit einem Föhn zu trocknen. 

Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Darbietungen dieser Art das Heurigensterben bremsen könnten. Es müsste nur angekündigt werden.