Vorwort

 

Ich kannte ihn. Ich kannte ihn nicht. Ich glaube, niemand kannte Kurt Steiner, denn Voraussetzung, einen Menschen kennenzulernen, ist Nähe. Kurt Steiner ließ in Wahrheit niemanden so weit an seine Person heran, als dass jene oder jener sich ein der Wahrheit gefährlich nahekommendes Bild hätte machen können. Steiner hielt auf Distanz. 

Freunde? Nicht bekannt. Seine Frau? Böse formuliert: Eine Begleiterscheinung. Freundinnen? Masse statt Klasse. Künstlerische Weggefährten? Niemand, mit dem er per Du gewesen wäre. Seine Mutter? Hielt ihn auf Distanz. 

Nicht, dass Steiner mit niemandem verkehrte. Verkehr war ihm wichtig, aber es scheint, dass es abseits der schlüpfrigen Variante hauptsächlich Briefverkehr war. Das Wort Verkehr ist in Wirklichkeit durch das Wort Kontakte zu ersetzen. Kontakte von der Bühne ins Publikum, Kontakte zu „wichtigen“ Personen, die ihm für seine Karriere dienlich erschienen, Kontakte zu Menschen, die er unterrichtete, Kontakte zu Kunden, denen er etwas verkaufen wollte.

Es gab vielleicht zwei Ausnahmen: seine Freunde bei den Schlaraffen, die als solche firmierten, aber man wagt dieses Nahverhältnis nicht mit dem expliziten, verbindlichen Wort zu beschreiben. Darüber hinaus stand ihm und seiner Frau vor allem ein einziger Mensch nahe (aber auch nur wenige Jahre), der eigentlich in die Rubrik „Personal“ fällt: Monika Hassler-Klapps. Ihr verdankt der Autor auch zahlreiche Einblicke in das Ehe- und außereheliche Leben Kurt Steiners, in seine Schrullen und in seine teils verzweifelt anmutenden Ambitionen, künstlerisch in den Mittelpunkt zu rücken. 

Das Bild weiter zu vervollständigen halfen folgende Menschen: Emil Belfanti, Prof. Leopold Grossmann, Peter Paul Hassler, Dr. Gerhard Jicinsky, Prof. Hermine Lechner, Trude Marzik, Dr. Rudolf Maurer, Gerd Ramacher, Hedy Slunecko-Kaderka, Dr. Norbert Tanner und Christa Würth. Ihnen allen sei an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön ausgesprochen.

Eine Quelle von Fakten war der künstlerische Nachlass Kurt Steiners, den dieser dem Rollettmuseum zur Verfügung gestellt hat, wo er vom Autor in zweijähriger Arbeit gesichtet und geordnet wurde.

Dieses Buch versucht auch die Jugend des Pianisten und Komponisten nachzuzeichnen, was mangels Zeitzeugen nur mit Hilfe von schriftlichen Belegen und Worten aus Kurt Steiners eigenem Mund möglich war. Im Internet kommt er praktisch nicht vor, und die einzige mir bekannte Erwähnung abseits einiger Presseartikel findet er in Peter Herz’ Biographie, wo ihn dieser lobend erwähnt.

Trotz all dieser Schwierigkeiten glaube ich, ein recht lebendiges Abbild eines Künstlers gezeichnet zu haben, der in seinen jungen Jahren – wenn schon nicht wirklich berühmt – so doch in weiten Kreisen ziemlich bekannt war und respektablen Erfolg hatte. 

Angesichts des Titels merkte beim Studium des Manuskripts ein kritischer Geist an: „Hat er den je gehabt?“ Den Ruhm nämlich.

Die Frage ist zulässig, aber aus der Perspektive des Mannes, dessen zweite Karriere geprägt war vom steten Versuch, anzuknüpfen an die künstlerischen Erfolge aus den 1950er-Jahren, ist das Wort verloren nicht zu weit hergeholt.

Wir folgen damit im Wesentlichen der Einschätzung, die Kurt Steiner-Belfanti selbst vermittelt hat: Er erzählte begeistert von seinen frühen Jahren, seiner ersten Karriere. Offenbar erschien ihm sein Lebenslauf von solcher Farbigkeit und Intensität, dass er in späten Jahren wiederholt zum gleichen Urteil gelangte: „Mein Leben war nicht schön, es war phantastisch!“

In der Hoffnung, dass dieses Ausnahmeleben vor den Augen des Lesers ein wenig an Konturen gewinnt, entlässt Sie der Autor in die Lektüre dieser Biographie und hofft, dass Sie sich so gut unterhalten, als würden Sie Kurt Steiner lauschen, wenn er die weißen und schwarzen Tasten seines Lieblingsinstruments überaus fingerfertig bearbeitet(e).

 

 

Kein Vergleich mit Österreich

Im Zweiten Weltkrieg wirkte Kurt Steiner beim Musik-Corps eines Fliegerregimentes als Pianist und Klarinettist und gleichzeitig als Kapellmeister mit eigenem Ensemble im Hotel Regina, im „Odeon“ und im „Atelier“ in München, aber auch in Stuttgart, wo er die Musikakademie besuchte. In Stuttgart spielte er bei „Gillitzer“ und in der Regina-Bar. Nach eigenen Angaben (er schmückt sein Briefpapier mit den Auftrittsorten!) trat er mit dem Fliegerchor sogar im Rundfunk (Sender München, Sender Stuttgart) auf. 

 

      

 

Fliegermusik München, um 1941, ganz links außen: Kurt Steiner

Als Wohnort scheint im Oktober 1941 der Fliegerhorst in Böblingen in der Nähe von Stuttgart auf. Mit dem Spielverbot durch die Reichsmusikkammer belegt, wurde seinen musikalischen Möglichkeiten ein mehr oder minder abruptes Ende gesetzt. 

Warum Spielverbot? Das Wiener Gauamt für Sippenforschung der NSDAP führte in seinem kleinen Abstammungsnachweis Kurt Steiner als Mischling 1. Grades, da sein Großvater Benjamin ein ungarischer Jude gewesen war.

Dem Autor gegenüber sprach Steiner-Belfanti in späteren Jahren allerdings von einer Sehnenscheidenentzündung, die er sich zugezogen und welche die Entlassung aus der Wehrmacht zur Folge gehabt habe.

Trotzdem erinnerte sich Kurt Steiner-Belfanti mit großer Dankbarkeit dieser Epoche seines Lebens. Mit seiner Aussage, die Musik habe ihn durch alle Probleme und Widerwärtigkeiten des Lebens unbeschadet hindurchgetragen, bezog er sich insbesondere auf dieses dunkle Kapitel der europäischen Geschichte. Nicht nur kam er persönlich trotz seiner Abstammung nicht zu Schaden, er brauchte auch nicht einzurücken, ersparte sich Kriegshandlungen, Gefahr, Hunger und Entbehrungen. In seinen eigenen Worten: es gelang ihm bei der Fliegermusik, den „Fronteinsatz zu umspielen“.

Damals dürfte sich jenes immense Grundvertrauen in das Leben und darauf, dass er „geführt“ werde, eingestellt haben, jenes Grundvertrauen, von dem er selbst, neunzig Jahre alt, noch sprach, weil es ihn Tag für Tag seines Lebens begleitete. 

 

 

(Ich trag mein) Ehering

Kurz nach dem Krieg, am 5. Dezember 1945, heuerte Kurt Steiner beim Tanzorchester Walter Heidrich an. Spielort würde der englische Offiziersclub im Wiener Palais Kinsky sein, und der Vertrag beinhaltete eine Klausel, wonach RAVAG-Aufnahmen  (höchstens   e i n e   im Monat) nicht extra honoriert würden. Hier liegt demnach die Initialzündung von Steiners Kontakten zum Österreichischen Rundfunk, von denen wir später noch mehr zu berichten wissen.

Im gleichen Zeitraum trat die 24-jährige Sängerin Erna Langer als „Vortragskünstlerin“ in diversen Etablissements auf. Am 11. Jänner 1946 zum Beispiel im Kaffeehaus Excelsior in der Landstraßer Hauptstraße 58, am 12. Jänner im englischen Hauptquartier, Wien 7, Zieglergasse 38, am 19. Jänner im amerikanischen Club, Zieglergasse 29, am 26. Jänner im Heimat-Kino, Wien 9, Porzellangasse, im Februar im Nussdorfer Kino usw.

Vermittelt wurde sie in all diesen Fällen von der Künstleragentur W.J. Parker. Bemerkenswert ist das Ansteigen der Gage innerhalb von zwei Monaten, denn im Jänner bekam sie pro Tag 75,- Schilling, im Feber stieg die Gage jedoch schon auf genau das Doppelte an.

Für Kurt Steiner und Erna Langer bahnte sich mit Jänner 1946 eine Zäsur an, die ihr Leben nachhaltig verändern würde.

Das einschneidendste Erlebnis gleich nach dem Ende des Krieges, oder vielleicht besser formuliert, das folgenreichste, war nämlich die Heirat der beiden Künstler. Nach sechzig Jahren, anlässlich der Diamantenen Hochzeit, erinnerte sich Steiner: „Ich weiß noch genau, wann wir uns kennengelernt haben, es war der 13. Jänner 1946, und Ende April haben wir geheiratet.“

Im Jänner des betreffenden Jahres moderierte Steiner in Wien im Palais Kinsky eine Conférence vor englischen Offizieren. Steiner fungierte als Kapellmeister der Heidrich-Band, Erna Langer war die Sängerin.

Tatsächlich heirateten die beiden drei Monate später. Auf einem Foto mit dem frisch vermählten Ehepaar erblickt man im Hintergrund Kurt Steiners Vater Ernst, was offensichtlich Erna bewogen hat, einige Zeilen auf der Rückseite des Bildes zu platzieren (offenbar war es dem Vater gewidmet): „...zu spät, Du rettest Deinen Sohn nicht mehr, auch wenn du im Hintergrund noch so ‚böse’ schaust. Zur Erinnerung an Eure Kinder, (datiert) Wien, 24.4.1946“. Und auf einem anderen Foto, vor der Kirche mit der Hochzeitsgesellschaft im Schlepptau, vermerkt sie pathetisch: „’Treulich geführt’ (fast so wie bei Lohengrin).“

Später würde sie sich gegenüber Monika Klapps, die für die beiden dann schon älteren Herrschaften den Fahrtendienst erledigte, schonungsloser äußern: „Nicht, dass Sie glauben, mein Mann hat den Brautstrauss gekauft. Der war von der Sekretärin!“

Diese Sekretärin hieß Lotte und war eine von Steiners vielen Frauen, die ihn treu über viele Jahre begleitete, auch als Chauffeuse und was sonst dazu gehört.

Dass die Heirat überhaupt stattgefunden hat, erstaunt, denn Steiners Mama beherrschte die Kunst des Kartenlegens und alles, was sie vorhersagte, würde eintreffen. Zu Erna Steiner sagte sie: „Er wird dich heiraten, aber er wird dich nie lieben!“

Erna erinnerte sich ebenfalls präzise an dieses erste Treffen im Palais Kinsky: „Wir sind gekommen und es war keine Musik da. Da hab ich gesagt: Typisch, die Musiker kommen wieder zu spät.“ 

Aber auf einmal hörte sie von oben Musik spielen (die Musiker dürften auf der Galerie platziert gewesen sein). So lernte sie Kurt Steiner kennen.

Später am Abend äußerte sie gegenüber ihrer Mutter: „Diesen Mann heirate ich!“

Die Mutter überlegte nicht von ungefähr, ob ihre Tochter nicht etwa ernstlich übergeschnappt war, denn sie kannte diesen Mann erst wenige Stunden. 

Aber Erna war überaus sensibel, und Steiner bestätigte diesen Vorfall indirekt, weil er oft erzählte: „Ich wurde geheiratet!“