Lenz und Lipp und’s andedlerte Mensch
Ab 1932 erschien zirka drei Jahre lang in wöchentlichen Abständen ein achtseitiger „Führer durch das Rebenland“ mit dem Titel „Das grüne Kranzerl“ (im Abonnement ein Schilling pro Monat). Dabei ging es in erster Linie um Werbung für die Heurigenbetriebe des Wiener Umlandes garniert mit allerlei geschichtlichen Abrissen und streng humorig angehauchten Erzählungen.
In einer dieser Broschüren erfolgt ein Rückblick auf die Art von Musik, die sich in Heurigenschenken seit dem Ausklang des Mittelalters verbreitete. Meist konnte man diesen Liedern keine besondere Liebenswürdigkeit nachsagen, jedoch zeichnen sie sich trotz aller Derbheit durch offenkundige Harmlosigkeit aus. Es waren vornehmlich Trinklieder, die in Form von Hetzgstanzln teils auf einzelne Personen zielten, ebenso aber auf Stände und Berufsgruppen gemünzt waren.
In der Zeit des Biedermeiers beeinflusste die Bühnenmusik der Zauberpossen und Singspiele das Repertoire der Sangesfreudigen, Couplets, die sich in weiten Kreisen der Bevölkerung fast ausschließlich auf dem Wege der mündlichen Überlieferung verbreiteten.
Und bevor die Schrammeln auf der Bildfläche erschienen, gab es eine Blüte des sogenannten Volkssängertums und der „Dudler“, die sich gerne des Ausdrucks der „Verkauft’s mei Gwaund‘-Stimmung bedienten, nicht zu vergessen die Harfenisten, die das Feld der Instrumentalmusik beherrschten.
Im letzten Jahrhundert dominierten bis in die 1950er-Jahre erst die Zithern und schließlich, als Abgesang, die Ziehharmonikaspieler das musikalische Geschehen beim Heurigen.
Zurück zu den Anfängen. Eines der Gstanzln (auch „Schnaderhüpfl“ genannt) aus den Jahren um 1700 lautete:
Der Lipp und der Lenz
haben a andedlerts Mensch,
und es hat’s kaner g’wißt,
daߑs Mensch andedlert ist.
Der Lipp und der Lenz
san zwa kreuzbrave Leit‘,
aber der ane is teppert
und der andre net g’scheit.
Es geht also um den Philipp und den Lorenz und ihre offenbar gemeinsame Freundin. Ja, und was „andedlert“ bedeutet, sollte man nicht erklären zu müssen, um nicht in Verdacht zu geraten, selbst ein wenig in diese Kategorie zu tendieren. Übrigens hört man das Spottlied angeblich auch heute noch ab und zu (bestenfalls in Wien), natürlich mit dem „Update“ ergänzender Gstanzln.
Wie ein Ruinenaufseher zusehends seinem Objekt glich
Der Fiakereigentümer Karl Gunhold trat im August des Jahres 1910 gegen Mitternacht nach einem ausgiebigen Heurigenbesuch den Heimweg an. Am Weg traf er eine andere Heurigengesellschaft, die zwar das gleiche, aber ein anderes Ziel verfolgte, wiewohl sie eine Strecke hinter ihm herging. Die animierte Menschengruppe lärmte und Gunhold, der offenkundig ruhebedürftig war, verwies sie mit den Worten „Halt’s die Pappen!“ freundlich auf die richtige Lautstärke.
Unweigerlich entwickelte sich ein Streit, und es war keine Frage der Zeit, bis die gegnerische Gesellschaft auf Gunhold losging. Dieser rettete sich nun in sein in der Nähe befindliches Haus und ergriff eine dort im Hof liegende Dachrinne, die er gegen die Verfolger schleuderte. Dabei erwischte er den Gastwirt und Ruinenaufseher August Libel am linken Fuß, der augenblicklich nicht mehr so schlank wirkte.
Nun stürzten sich, beseelt vom Gedanken an Revanche, Libels Begleiter auf ihn. Erstaunlicherweise gelang es Gunhold ein zweites Mal sich loszureißen, was nicht für die Topverfassung der gegnerischen Truppe spricht. Er ergriff einen sechs Meter langen Feuerhaken, mit dessen Hilfe er auf die Heurigengesellschaft losschlug.
Libel, der sich unerklärlicherweise immer noch in der ersten Reihe tummelte, erlitt neuerlich eine Verletzung, diesmal an der linken Hand, und konnte daher als linksseitig gelähmt gelten. Für ihn sprang der Hilfsarbeiter Emil Beck in die Bresche und holte sich eine Verletzung am linken Oberarm ab. Eindeutig handelte es sich um eine linkische Gesellschaft.
Und so hätte sich alles gut gefügt, wäre nicht Andreas Mandl gewesen, der, nachdem er den rechten Oberschenkel exponierte, zu Boden ging. Das war der Umschwung.
Damit nun alles rechtens ablief, traf sich der ganze Haufen vor dem Kreisgericht, wo Gunhold (der Unhold steckt ja schon im Namen) zu zwei Wochen Arrest, verschärft durch hartes Lager, verurteilt wurde.
Libel, der Ruinenaufseher, fand sich ebenfalls zu hartem Lager verurteilt: Er konnte geraume Zeit nur mehr auf der rechten Seite liegen.
Und wenn Sie der Meinung sind, dass nicht alles mit rechten Dingen zuging, wenden Sie sich an den verantwortlichen Richter.
Blitzschlag
Am 5. Juni 1911 schlug während eines Gewitters der Blitz ins Haus Braitnerstraße 106 und setzte den Dachstuhl in Brand. Da zu diesem Zeitpunkt gerade der Buschenschank von Johann Hirschmann etabliert war und die anwesenden Personen den Brand sofort entdeckten, konnte derselbe noch gelöscht werden, ehe die Feuerwehr Gelegenheit fand zum Einschreiten.
Als sich die erfolgreichen Brandlöscher nach getaner Arbeit verschwitzt im Lokal versammelten und sich, um die Aufregung abflauen zu lassen, zur Auflockerung einige Viertel hinstellen ließen, kehrte bei manchen auch der Humor schon wieder zurück.
„Hearst“, sagte ein Gast zum Wirten, auf dessen Trinkfreudigkeit anspielend, „du host scho oft an Braund ghobt. Oba so schnö g‘löscht wor a no nie!“
Unheimlicher Gast
Am Sonntag, den 7. April 1912, betrat der schon einmal in der Irrenanstalt interniert gewesene Alois Blam, mit einem Jagdgewehr bewaffnet, die Heurigenschänke des Johann Spitzer in der Haidhofstraße. Die anwesenden Gäste wollten zuletzt Spuren von Irrsinn an ihm bemerkt haben, doch entfernte er sich nach einiger Zeit wieder, ohne jemanden belästigt zu haben.
Blam stammte aus der großen Familie der Blams, die sich um die vorletzte Jahrhundertwende in vielen Gassen der Stadt verzweigte und auch zahlreiche Heurigenwirte in ihren Reihen wusste. Alois war kein Wirt.
Am 10. April 1912, dem Tag, an dem die Titanic in Southampton auslief, stand Alois Blam mit Gummistiefeln im Flusslauf der Schwechat und machte sich verdächtig, indem er keine Angel trug, sondern sein Jagdgewehr.
Die Leute, denen das zu Ohr kam, stellten sich vor, wie er das Gewehr von der Schulter nahm und Schüsse ins Wasser abgab, um Fische zu erlegen, wobei die Frage auftaucht, wer verrückter war.
Als die Titanic längst gesunken war, besuchte Blam erneut den Heurigen Spitzer und diesmal trug er kein Gewehr. Offenbar hatte man ihm es weggenommen. Er stand nur da, konsumierte nicht und blickte finster.
Die Gäste wären nicht verwundert gewesen, hätte er bei einem Besuch im Lokal ein paar von ihnen erschossen. Aber diese Inaktivität – das war der Gipfel der Abnormität.
Der Kaviar der Armen
Beim Heurigen wird und wurde häufig übers Essen gesprochen, auch schon 1932. Gregor Huber, den sie alle nur Gregorowitsch nannten, zählte als Original, der überall mitredete und wegen seiner Ansprüche, die er an Speisen stellte, geradezu berüchtigt war.
Im Laufe der Unterhaltung kam man auf den edlen Kaviar zu reden. Gregorowitsch ließ sich nicht lange um seine Meinung bitten: „Jaja, hie und da hab' i ihn ganz gern, wenn ihn mei Alte mit Butter und Bröseln macht.“
Offenbar war er gedanklich beim Karfiol abgebogen.
Parkfestpioniere
Am 14. Juli 1934 fand das allererste Heurigen-Parkfest Österreichs statt, gewissermaßen ein Großheurigen, dessen Idee den Gehirnen des Vergnügungsvereinsausschusses entsprungen war, weil andere Festideen bereits als abgedroschen galten. Namentlich die sogenannten Koriandoliveranstaltungen, seinerzeit die Sensation des Abends, befand man als überholt, abgedroschen und unoriginell. Natürlich wurde schon die längste Zeit über das alberne Koriandoliwerfen gelästert, ohne das seit der Jahrhundertwende kaum eine populäre Veranstaltung auskommen durfte. Diese Konfettischlachten, wie man heute sagen würde, seien eine staubige Angelegenheit, hieß es, höchst unhygienisch, man erhitze sich dabei, schwitze, bekomme leicht einen Schnupfen, die Sommerkleidchen der Damen kriegten rote, grüne, gelbe Tupferln, die man schwer putzen könne, das Ganze koste eine Menge Geld, und zum Schluss hätte man nicht einmal ordentlich gegessen und getrunken. Der Papa, der nachher beim Schlafengehen verwundert auf seines Bäuchleins Rundung einige verirrte Papierflinserl picken sieht, würde sich nur ärgern, weil der Fratz, pardon, das Fräulein Tochter, zum soundsovielten Male um einen Schilling für Koriandoli betteln käme. Das soll ein Vergnügen sein?
Nein, der Herr Papa denkt an dieser Stelle, dass bei dieser Hitze ein gut gefülltes Glaserl Wein ausgezeichnet munden könnte.
An diesem Punkt eines durchaus vernünftigen Gedankenganges schaltete sich der obgenannte Vergnügungsverein ein. Wozu ein Parkfest, dessen Gaudi nur die ganz jungen Leute bedient? Warum nicht eine Veranstaltung, an der alle Altersstufen teilnehmen können, bei der jeder und jede auf seine Rechnung kommt und die nicht mehr kostet als ein gewöhnlicher abendlicher Heurigenbesuch?
Das Komitee sicherte sich die Unterstützung des Weinbauvereins, und unter dem Übertitel „Fein schmeckt uns der Wein...“ begann die Planung des Spektakels. Und denkwürdig war es!
Die Kurkapelle unter Karl Wiesmann begleitete den Abend ein, Schrammelquartette spielten auf, und Damen und Herren aus dem Publikum buhlten im musikalischen Wettstreit um die Gunst des Publikums. Es gab einen Tanzboden, wo man je nach Gusto alt und modern, ländlich und städtisch tanzte. Standln (von feinen „Loiten“ Verkaufsbuden genannt) boten alles feil, was das Herz eines Heurigenwandlers erfreuen konnte, zartrosa Schinken, charakterfestes G'selchtes, bunt gemischte Aufschnitte, herzhafte Stelzen, Gebratenes und Gebackenes, knusprige Karrees, aber auch unmännliche Schleckereien wie Pignolikipferln und Mandelbögen, Lebzelten und Weinbeißer, Bäckerei und Pfirsiche (etwas für die Gesundheit, abgesehen vom Wein, haha).
Natürlich wurden ausschließlich edelste Sortenweine ausgeschenkt, etwas teurer als 60 Groschen das Viertel, aber dafür lockte man das Publikum mit dem Versprechen, für jede Eintrittskarte ein Viertel Wein zu vergüten.
„Zum Heurigen!“ Die Wahl macht Qual.
Doch leichter hat man's dieses Mal:
Man geht auf frohem Bummel
von Busch zu Busch, von Wein zu Wein
beim weiten Winzertor hinein
zum großen Parkfestrummel.
Kurz nach sieben Uhr abends traten die ersten Besucher durch das aus Latten und Juteleinen improvisierte Heurigentor, und in ununterbrochener Folge strömten bis elf Uhr nachts Gäste zu. 2800 zahlende Gäste wurden gezählt. Die ursprünglich vorhandenen 1000 Sitzplätze bei den Heurigen mussten auf fast 2000 erhöht werden. Um acht Uhr waren die meisten Plätze besetzt.
Unter den stimmungsfördernden Kastanienalleen des Kurparks und der Festdekoration erklang ein fröhliches Durcheinander von Gläserklingen, Lachen, Singen und Musizieren. Überall Windlichter. Bad'ner Madeln flanierten in der heißen Julinacht, der eisgekühlte Zierfandler erhitzte sie.
In der Hauptallee, in der regstes Leben herrschte, hatte der Weinbauverein ein Riesenfass mit einer schwarzen Katze, dem Symbol guten Weines, aufgestellt. Und den Abschluss der Allee bildete eine aus farbigen Lampions hergestellte Riesentraube.
Es war eine Veranstaltung nach dem Herzen des Publikums. Man hatte etwas Alltägliches (den Heurigenbesuch) in den Rang eines Festes erhoben, und wiewohl der Gedanke so einfach und naheliegend schien, war die Verwirklichung – wie es häufig bei selbstverständlichen und guten Ideen der Fall ist – nur sehr zögerlich umgesetzt worden. Und nun dieser Erfolg!
Als um zwölf Uhr nachts plötzlich das elektrische Licht erlosch, erwuchs an den meisten Tischen aus der Kerzendekoration eine sehr erwünschte Notbeleuchtung. Die um diese Zeit anwesenden 3000 Besucher wurden auch nicht im Mindesten nervös, alles blieb bei den Tischen sitzen, das Fest nahm ungestört seinen Fortgang. Manche konnten sich vielleicht auch gar nicht mehr erheben. In den dunklen Nebenalleen ging es überaus herzlich zu.
Es war ein arger Fehler des Komitees, die Lichtstörung nicht auf den Plakaten anzukündigen. Der Besuch wäre noch überbordender gewesen.
Um zwei Uhr früh war immer noch keine Ruhe, und vielleicht haben irgendwo die nachfolgenden Zeilen eine Entsprechung gefunden:
Das zehnte Viertel trank er schon,
drauf riss sich das Himation (Anm.: ein griechisches Kleidungsstück)
vom Leib der hehre Lümmel.
Als Gott in voller Nacktheit stand
der Herrliche: „Verkauft's mei G'wand!“
Und fuhr direkt in 'n Himmel.