"Die Stunde des HHH"
Satire, auf Sitcom-Elementen aufbauend
Folge 1: „A G’stättn in Königstetten“
Ständige Protagonisten der Handlung
Hermann Hugo Herzeig 33 Jahre, Journalist bei der Lokalzeitung "Stadt-Land-Post" ca. 180 cm groß, schlank, dunkelhaarig, kritisch, auch durch seine Frau alternativ geprägt, für ungewöhnliche Lösungen zu gewinnen, mit starkem Hang zu Ironie und Sarkasmus, eheliche Auseinandersetzunge münden gern über komische Schlagabtäusche in eine Lösung
Laura Herzeig 30 Jahre, Ernährungsberaterin, übt den Beruf zur Zeit nicht aktiv aus, 175 cm groß, blond und drahtig, fungiert als Korrektiv und Ratgeberin ihres Mannes, Hang zu Esoterik, trotzdem bodenständig und geerdet, hat Humor.
Das Ehepaar bewohnt interimistisch ein großes Zelt, während am selben Grund ein Haus entsteht. Eine Ziege hat sich als Haustier etabliert.
Franz Ferdinand Steiß 45 Jahre alt, Umweltgemeinderat und in der Siedlung rechtsseitiger Nachbar Herzeigs, gestandenes Mannsbild mit Bauch und dünner werdendem Haar, der die Usancen der breiten Masse lebt (inkl. Fleisch- und Bierkonsum), gutmütig, aber mit augenzwinkender Wertehaltung ausgestattet, würde gerne den Bürgermeister "beerben".
Johann Steiß Gattin des Obgenannten, eine resolute Hausfrau mittlerer Größe, 46 Jahre alt, vollschlank, durchschnittliches Erscheinungsbild, weniger konservativ als ihr Mann, dem
sie durchaus kritisch gegenübersteht und Paroli bietet.
Florian Stiglitz ein asketisch wirkender Pensionist mit dünnem, wirren Haar, Brillenträger, achtet wenig auf sein Äußeres, intelligent und sprachgewandt, unhöflich mit gewählten Worten, unverschämt, spitzfindig, , ein übertriebener Kritiker und Querulant. Linksseitiger Nachbar von Herzeig.
Greta Metapopolous um die 50 Jahre alt, rothaariges Medium, Esoterikern mit Verbindung zu höheren Mächten oder Verstorbenen, Hexe? Steht auf der "guten" Seite und beratschlagt die weibliche Creme de la Creme der Gemeinde.
Rudolf Blemenschitz 58 Jahre alt, ein stark übergewichtiger, gedrungener Mann in ländlich geprägter Kleidung, sogenannter "Ortskaiser", ein Funktionär alter Schule, dessen Instinkt gut, dessen Bildung schlecht ist, man macht sich über ihn lustig, vor allem auch, weil er die Feinheiten der Sprache nicht wirklich beherrscht.
Adele Blemenschitz 55 Jahre alt, älter wirkend, genauso behäbig wie ihr Gatte, schwer von Begriff, konservativ, als Mitglied der Esoterik- Runde mit Greta und Laura vernetzt.
Walter Simandl 56 Jahre alt, Bauer, agitatorischer Oppositionsführer in der Gemeinde, wertkonservativ, vermutlich klüger als der Bürgermeister, aber auch kein Diplomat.
(Vor dem Rohbau eines Einfamilienhauses, an dem viel Holz Verwendung gefunden hat. Im Garten wuchert das Unkraut. Links neben dem Haus ist eine Ziege angepflockt. Knapp hinter dem Zaun erhebt sich ein großes Campingzelt, dessen Rückwand zur Straße hin orientiert ist. Daneben liegt allerlei grobes Gerümpel. Im zukünftigen Garten arbeitet Hermann Hugo Herzeig, an der Mischmaschine. Beiderseits des Grundstücks existieren bereits Siedlungshäuser.
Vom rechten Grundstück beugt sich Franz Ferdinand Steiß über den Zaun. Im Hintergrund spielen Kinder)
Steiß:
(leutselig)
Hallo, Herr Nochbor! Wos mocht die Orbeit?
HHH:
(unwillig)
Sie is mindestens genauso penetrant wie Ihr Versuch,
durch Grillen meinem Magen Appetit zu signalisier‘n.
Steiß:
Wer grillt denn? Mei Frau vabrennt oite Fetzen.
HHH:
Ach so. I hob scho glaubt, Sie wolln mit meiner Aunwesenheit Ihr Gortenfest bereichern. San Sie scho auf den Gedaunken kumma, dass Sie mit Ihrer Hazerei die Umwöt verpesten?
Steiß:
Fräulich. Für wos bin i Umwötgemeinderot? Oba mei Frau losst si‘s net ausreden.
HHH:
Gratuliere zu Ihrem Durchsetzungsvermögen. Des Beispiel sollt die Runde mochen.
Steiß:
(launig)
Es mocht eh die Runde. Sie riachns jo a. Wie weit san S‘ denn mitn Estrich?
HHH:
Fix und fertig. Schod, dass ma in Königstetten san und net in Hollywood.
Steiß:
Wieso?
HHH:
(ironisch)
Daun kenntn S' Ihnan Fußobdruck hinterlossen. Zwar san S' ka berühmter
Schauspieler, oba vielleicht wern S' no a berühmter Umwötgemeinderot.
Steiß:
Sie kennen mei Schuachnummer net. Waun i mein Obdruck hinterloss,
beneiden Ihna die Leit um‘s Schwimmbassin.
HHH:
In dem Foi würd i a Biotop draus mochn, dem Stifter zu Ehren.
Steiß:
Danke, danke.
(Zu den lauten Kindern im Hintergrund)
Ruhe, do hinten!
(Zu HHH)
Mei Frau losst frogen, ob S‘ net mit Ihnera amoi zum Obendessen
kumma woin. Damit ma unsere Nochborn bessa kennenlernen.
HHH:
Oba gern. Vielleicht morgen auf’d Nocht? Heut‘ gibt’s nämlich scho Sojalaberl
und Kürbisgemüse.
Steiß:
(mit Anzeichen des Ekels)
Sojalaberl und Kürbisgemüse?
HHH:
Mei Frau kocht gsund.
Steiß:
Meine a. Morgen gibt‘s Schnitzel. Woin S' allanich kumma?
Florian Stiglitz:
(beugt sich über den Naturzaun, der die Grenze zum Nachbargrundstück bildet) Herr Nachbar!
HHH:
Ja?
(zu Steiß)
Sie entschuldigen.
Stiglitz:
Auf ein Wort...!
HHH:
(stapft ein paar Schritte hinüber zum anderen Zaun)
Was kann ich für Sie tun?
Stiglitz:
(euphoriegetränkt)
Dieses Prachtwetter veranlasst mich, mein Gesicht der Muße der
Sonnenstrahlen darzubieten.
HHH:
(lakonisch)
Wie schön für Sie...
Stiglitz:
In der Wärme entfaltet sich in der Regel der Duft der Blumenbeete,
die Bienen summen, und meine Nasenflügel vibrieren.
HHH:
Ich bin beeindruckt.
Stiglitz:
Ich bin auch beeindruckt. Ihre Ziege übertrifft duftgewaltig die Anmut jeglicher Blumen. Außerdem blökt sie ohne Unterlass.
HHH:
(kategorisch)
Unser Ziege blökt net, sie grunzt.
Stiglitz:
(verwirrt)
Wie bitte?
HHH:
Sie grunzt!
(zu sich)
Schafskopf!
Stiglitz:
(hoheitsvoll)
Ich wünsche, dass diese Belästigung ein Ende findet.
HHH:
(endgültig unmutig)
Daun gehen S‘ ins Haus, Herr Nochbor. Des hätt‘ an aungenehm kühlenden Effekt.
Weil die Sonne scheint Ihnen nicht gut zu tun. Mei Gas is m e i Gas und lebt auf
m e i n Grundstück, und do bleibt's, und do stinkt's, wie's wü. Mahlzeit!
Stiglitz:
(im Abwenden)
Das wird Ihnen noch leid tun!
HHH:
(kopfschüttelnd zu Steiß an der gegenüberliegenden Grenze zurückkehrend)
Pfff!
Steiß:
(der mitgehört hat, tröstend)
Der Stiglitz is söwa a Gasbock. Jedenfois meckert er ollawäu. Oiso, bleibt‘s bei morgen?
HHH:
Von mir aus. I werd mei Frau schonend darauf vorbereiten.
(Laura Herzeig ist im Zelt mit der Zubereitung eines einfachen Mahls beschäftigt. Die „Einrichtung“ besteht aus zwei Matratzen, einer Stellage mit diversem Kochgeschirr, einer mit Lebensmittel vollgestopften Badewanne und Kisten. Es ist sehr primitiv. Im Vorzelt stehen Campingtisch und Campingsessel, HHH tritt ein)
HHH:
Host eh ghört. Unser Gas stinkt.
Laura:
Hättest gsogt, des is mit den meisten Gasen so.
HHH:
I glaub, auf Wortspiele spricht unser Nochbor net aun. Dem is unbegreiflich, dass unser
Gundl a sauberes Viecherl is.
(Er setzt sich auf einen der Campingsessel)
Übrigens san wir morgen beim Steiß nebenaun einglodn. Es gibt Schnitzel.
Laura:
Oh! Do wird ma mei Sojalaberl heut' glei doppelt so gut schmecken.
HHH:
Ich werd versuchen, amoi die einfoche Erfüllung zu finden.
Laura:
Du host hoffentlich nix auszusetzen, sonst gibt‘s morgen Tofu.
HHH:
(in gespielter Hinwendung)
Oh du süßeste aller Frauchen, Schatziputzihasimausi usw.!
Deine Kochkunst trifft meinen Geschmack mitten ins Herz.
Laura:
(alarmiert)
Mochst du di lustig?
HHH:
(winkt großzügig ab)
Oba wo! I bewundere haltlos die Treffsicherheit deines Instinkts, immer genau
des Richtige zu kochen, damit si mei Mogen befriedigt krümmt. Ich könnte deine
Hände küssen für ihre Geschicklichkeit.
Laura:
(herausfordernd)
Und wie wär‘s mit meinem Mund, du foischer Fuffziger?
HHH:
(schlägt sich auf die Stirn)
Oba genau, der is jo noch geschickter.
Laura:
(nimmt ein Busserl in Empfang und mahnt)
Du bist so frech.
HHH:
Wieso, i sprudel doch über vor Lob?
Laura:
(spöttisch)
Übernimm di net.
HHH:
Keine Angst. Im Nehmen bin i no besser ois im Geben.
(Er kaut)
Schmeckt übrigens wirklich sehr gut.
Laura:
(augenzwinkernd)
Du brauchst deine Aunspielungen gor net geschickt zu tarnen.
Deine Unverschämtheiten blinzeln durch.
HHH:
Du, im Ernst! I bin überroscht. Wenn i ma dagegen des Schnitzel morgen vorstell'
- bäääh ...
Laura:
Hör auf, sonst beschwert si da Nochbor wieder über die Gundl.
HHH:
(entflammt)
Waßt, wos mi der Nochbor kaun?... Auf an Tofu einloden.
My home is my Kastl. Und wenn‘s nur a provesorisches Zöt is.
Laura:
I waß, du bist romantisch. Oba mir geht die Wirtschoft do scho auf die Nerven.
HHH:
Bei den Pfodfindern hot da des nix ausgmocht.
Laura:
Des kaun scho sein, oba a Loger is noch ana Wochen vorbei, und d e r Zustaund hoit
scho den gaunzen Sommer aun. Wos glaubst, wie uns die Leut' nennen?
HHH:
Erspor ma den Quiz.
Laura:
(lapidar)
Die Nomaden!
HHH:
Na super! Aus Mund von den Kleinbürgern is des a herrliches Kompliment.
Laura:
Mir scheint, du spinnst.
HHH:
(ereifert sich)
Wieso spinn' i? Nomaden bleiben net stehn. Sie waundern. Von an Ort zum aundern.
Ma könnt' sogen: Sie entwickeln si fort. Es geht wos weiter! Sie sitzen net auf ihrn
Status Quo und worten, dass wos passiert. Verstehst, i bau ma a Häusl, oba kan Oiterssitz. Und i hob a Meinung, oba vielleicht ändert si die. Jeder Fluss is a Nomade.
Aun der Quelle is er a gaunz a aunderer, und ois Strom is er a gaunz a aunderer.
Ma muss si verbreitern.
Laura:
(bestimmt)
Hör auf, di zu verbreitern. Iss lieber zsaum, dass i obwoschen kaunn.
Wir haum heut' wieder unser Runde.
HHH:
Tischerlrucken?
Laura:
Exakt.
HHH:
(anzüglich)
Pass auf, dass er euch net aunspringt.
Laura:
(scharf)
Pass auf, dass i di net aunspring.
HHH:
Schatziputzihasi, du wirst doch kein gestörtes Sexualleben haum?
Laura:
Na, oba an gestörten Ehemaunn mit Nomadenallüren.
HHH:
Jetzt waß i, wer verauntwortlich dafür is, dass die Menschen sesshoft worden san.
Laura:
Du brauchst gor net sesshoft werden, Bärlibär. Du kaunnst des Gschirr obwoschen
und die Gundl füttern. I bin eh scho spät draun.
HHH:
Host Plastiksackerl?
Laura:
Wofür Plastiksackerl?
HHH:
Für die Gundl. Die hoit des für an Leckerbissen.
Und besser entsorgt werdn s‘ nirgends.
Laura:
Auf den Leckerbissen wird's heut verzichten müssen.
Die Reste vom Kürbis kaunnst ihr geben.
HHH:
Do wird’s mi wieder wochenlaung mit Verochtung strofen! Na guat. Viel Vergnügen
beim Tischerlrucken. Wos frogts denn heut? Wie's Wetter morgen wird?
Laura:
Des waß i schon.
HHH:
(verwundert)
Oba?!
Laura:
Schlecht. Es wird regnen. Weil immer, wenn du dir vornimmst, wos zu orbeiten, regnts.
(Sie tritt zum Zelt hinaus)
HHH:
(hinterherrufend)
Sei froh, dass dieses Etablissement ka Tür besitzt, sonst würd' i s' hinter dir
ins Schloss schmettern.
(Gegen Abend des nächsten Tages. Am Grundstück der Herzeigs. Es regnet in Strömen)
Laura:
(Laura schaut aus dem Zelt und ruft zum Rohbau des Hauses hinüber)
Bärlibär! Wir kommen zu spät!
HHH:
(nähert sich durch den Regen und betritt mit triefendem Regenzeug das Zelt)
Wir können net zu spät kommen, weil in zehn Minuten regnets no genauso. Host wos Trockenes für mi?
Laura:
(provokant)
An Martini?
HHH:
(leicht genervt)
Ja, Schatziputzihasi, an Martini, und außerdem möcht i gern a Vollbod nehmen.
Willst pünktlich sein oder Schmäh führ'n?
Laura:
I vermiss die Kussfreudigkeit der Anfänge an dir...
HHH:
(resignierend)
Oiso gut - überredet.
(Er schaut ihr während des Kusses über die Schulter und bemerkt Tropfen
vom Zeltdach und ein Lavoir, das die Tropfen auffängt)
Wos is denn des?
Laura:
(achselzuckend)
Es regnet durch.
HHH:
Sch….imprägnierung. Wos is denn do vorher gstaunden?
Laura:
Das Bett, mein Lieber. Du siehst oiso, Küsse sind angebracht. Sonst hätt' ma a Wosserbett.
HHH:
Toll. Des wär moi wos aunders gwesen. Und der Topf do hinten?
Laura:
(erschrocken)
Wos für a Topf! - Um Gottes Willen! Do tropft’s a. Und mitten eine.
Do is da Ziegenkäs‘ drin.
HHH:
Na Mahlzeit!
(HHH und Laura laufen eilig auf die Tür des Nachbarhauses der Familie Steiß zu
und läuten, während der Regen heruntertaschelt)
Steiß:
(öffnet)
Ah, der nochbarliche Besuch. Kummts nur eina.
(HHH und Laura treten ein und verbreiten Wasser und Schmutz im Vorraum)
Hättets euch net beäun brauchen, in zehn Minuten hätt’s a no gregnt...
Derf i euch mei Frau vorstön?
Johanna Steiß:
(eine rundliche Frau, die aus dem Nachbarraum hinzugetreten ist)
Grüß Gott.
HHH:
Hermann Hugo Herzeig. Wir kennen uns scho vom Sehen.
Steiß:
Des glaub i net. Mei Frau merkt si kane Gsichta, gö Hannerl?
Johanna:
(deutlich adressiert)
Jo, außer sie gengan ma jeden Tog aufn Geist.
(Zu HHH)
Ihr'n Naumen hob i scho aum Gortentor glesn. Sehr einprägsaum.
Wie kummt ma zu Initialen mit drei „H“?
HHH:
Mein Vater hot bei meiner Geburt an Lochkraumpf kriagt. Oba meiner Mutter
wor des zu wenig. Und so haums dann „Ermann“ und „Ugo“ aunghängt.
Steiß:
I hob a zwa Vornaumen. Franz und Ferdinand, und daun kummt leider da Steiß.
Mei Vater hot bei meiner Geburt net glocht. Den hots hingsetzt.
Laura:
I bin die angetraute Herzeig! Laura. Derzeit leider nicht zum Herzeigen.
Johanna:
(schüttelt die Hand)
Angenehm.
Steiß:
Laura. A herzeiger Naume. Do kaunnst da a Beispü nehmen, Johannelore.
Johanna:
(mokant)
Des liegt nur aum Familiennaumen. I hob ledig Prinz ghaßn.
Oba du wolltest jo ka Prinz werdn.
Steiß:
In Thronfolger hob i scho im Vornaumen... Kummts weiter.
Leise brauchts net sein, die Kinder san bei da Großmutter.
(Sie betreten ein recht konservativ eingerichtesWohnzimmer)
Nehmts Plotz - wo ana is. Trink ma wos zum Einstaund?
Laura:
Mir wos Alkoholfreies, bitte.
Steiß:
(protestierend)
Nananana, ihr seids doch net mitn Auto do. An federleichten Rotwein?
A griffiges Bier? ... Oder wos Schorfes zum Aunsteßn?
HHH:
(nachdem er Lauras Bespiel gefolgt ist und sich auf dem Sofa niedergelassen hat)
Aunsteßn. Nochdem unsere Grundstücke des gleiche mochn.
Johanna:
I schau nur schnö nochn Schweinsbrotn.
Steiß:
(schenkt 4 Stamperl voll)
Übrigens, der Schweinsbroten wird euch munden. Mei Frau is a Haubenköchin.
HHH:
(erstaunt)
Na geh?
Steiß:
Fräulich. Oba erst seit s' unter da Hauben is.
(Er schließt die Flasche, ruft laut)
Hannerl! Kumm, loss dein Schweinsbrotn. Wir steßn aun.
Laura:
Wor net von Schnitzeln die Rede?
Steiß:
Des stimmt. Oba wir haum uns denkt, wir kochen wos, wos ma net so oft hot.
Is eich do recht?
HHH:
Uns is ollas recht. Mir rinnt scho des Wosser im Mund zsaum.
(Er kassiert unterdem Tisch einen Tritt von Laura gegen das Schienbein)
Au! Brutales Biest.
Johanna:
(kommt herein)
So, do bin i wieder. Tamma schnö, wäu jetzt ghert a boid außa.
Steiß:
(spöttisch)
Oba geh? Gestern host gsogt: Tamma laungsaum, damit a länger drin bleibt.
Johanna:
Des kaunn scho sein, dass i des gsogt hob. Oba gnutzt hots nix.
Und unsern Gästen wü i kann misslungenen Versuch zumuten.
Steiß:
Na, wos sogts zu meiner Hannerl? Die is net aufn Mund gfoin, wos?
Oiso Prost. Trink ma auf a guate Nochborschoft. Übrigens - i bin da Franz.
HHH:
Hugo Hermann.
Steiß:
I hob glaubt: Hermann Hugo?
HHH:
Jo, i verwechsel des immer.
Steiß:
Wer i hoit lochen, waun i di sich. Ha Ha Ha! Daunn waßt, um wen sa si draht.
Laura:
I bin die Laura, und des mitn Lochen is a schon von mir gewöhnt.
Johanna:
Und i bin die Hannerl, und do haum si wieder die Richtigen gfunden. Prost!
(Im Zeitraffer sieht man die vier trinken, essen, Steiß eine Flasche Rotwein öffnen, trinken, die Flaschen leeren sich, angeregte Unterhaltung)
Steiß:
W o orbeitst du?
HHH:
Beim „Stadl“.
Steiß:
(beiläufig)
Wo s' de Supermusikanten haum?
HHH:
Naa, wo S' die Superjournalisten haum. Des is die markante Obkürzung
für „StadtLandPost“, a Lokalzeitung in Großkirchen.
Steiß:
(grinsend)
A häulige Zeitung?
HHH:
Schau i aus, ois kummat i von an Priesterseminar?
Steiß:
(hat Laura kritisch ins Auge gefasst, die in die Lehne zurückgesunken ist und sich nicht mehr an der Unterhaltung beteiligt, im Gegenteil, leicht weggetreten wirkt)
Wos is denn mit der Laura los? Laurie! Kukukukukuuu! -
Die drei Viertel woarn ihr vielleicht do zuvü.
HHH:
(nachdenklich)
So kenn i s' gor net. So friedlich.
Johanna:
Sie g'hört ins Bett.
Steiß:
(vorlaut)
Des wern sie scho vü denkt haum.
Johanna:
(unangenehm berührt)
Geh, Franzi! Wenn du wos trunken host...
Steiß:
(abwiegelnd)
Wor nur a Witz. Da Hermann Hugo is eh net bös.
HHH:
(sarkastisch)
Oba na, Franz Ferdinand. Du waßt jo, Thronfolger haum p r i n c i p iell nix zu befürchten.
Steiß:
Sog des net. Unser Bürgermaster, da Blemenschitz, hockt scho zwölf Johr
laung im Sessel und es wurdt scho Zeit, dass er obdaunkt.
HHH:
(unverblümt)
Wüst du sei Nochfolger werden?
Steiß:
(zuckt die Achseln)
Schau, des is a ruhige Gegend. Es gibt ka Blutrache, kane Touristen, kane Demonstrationen und kane Grünen. Die Polizei verteilt Flugblätter aun die Foischparker. Maunchmoi drohen s‘ mitn Finger. Sunst haum s‘ net vü z‘tuan. Ois Bürgermaster muaßt nur beim Frühschoppen dabei sein, und des liegt ma.
HHH:
(kritisch)
Ois Umweltgemeinderot bist oba a net grod überfordert.
Steiß:
(tippt sich an den Kopf)
I bin jo a net Politiker wurdn, damit i überfordert wer. I wü mei Scherflein
beitrogen, net mi obschleppen. I wü leben, vastehst? Bei mir kummt ka ungsunder Stress auf. Wirst sehgn, wennst amoi a poor Jahrln do wohnst,
waßt es zu schätzen, dass ollas sein ruhigen und gewohnten Gaung geht.
HHH:
Wenn i net so müd wär, könnt' i da nau stundenlaung zuhörn.
Steiß:
Woits scho gehn?
HHH:
Nochdem wir ka Scherflein san, wirst di mit uns net obschleppen wollen.
(Zu Laura, die im Sofa döst)
Schatziputzihasimausi usw., werd‘ munter. Wir haum an weiten Weg vor uns.
Mindestens dreißig Meter.
Laura:
...schlafen...
(Sie kuschelt sich instinktiv an ihn)
HHH:
(löst sich von ihr und steht auf, eine ihrer Hände haltend)
Danke für‘s Essen. Wenn unser Haus fertig is, werma uns revanchieren.
Steiß:
A guate Idee. Do san die Kinder scho außegwochsn, und wir kennan
auf d' Nocht furtgeh, gö Hannerl?
HHH:
(prophezeiend)
Du wirst no schauen!
Steiß:
Des wer i jetzt scho. Wäu i neugierig bin, wie ihr hamkummts.
HHH:
Komm, Laurie, auf! Wir müssen dem Franz Ferdinand unsere Staundfestigkeit beweisen.
Steiß:
Dass stehn könnts, glaub' i no.
(HHH und Laura treten ins Freie, der Regen ist vorbei)
Steiß:
(öffnet die Haustür)
Guate Nocht! Und vergessts net!
HHH:
(irritiert)
Wos?
Steiß:
...wenns hinfoits, dass wieder aufstehts.
(Steiß schließt die Haustür. Laura und HHH nehmen, einander Stütze bietend, den Weg auf)
Laura:
I glaub, mir wird übel...
(Nach wenigen Schritten biegen sie übereilt ab hinter die Ziersträucher)
(Heller Sonnenschein. Die Ziege grast beim Haus der Herzeigs, HHH arbeitet. Stiglitz beugt sich über die Grundstücksgrenze)
Stiglitz:
Hallo, Herr Nachbar. Beglückt Sie immer noch die Geruhsamkeit eines offenbar endlos andauernden Urlaubes? Braucht man Sie nirgends?
HHH:
Aber ja doch. Hier! Eine ganze Woche bin ich noch bereit, Ihre schier unersättliche Wissbegierde zu befriedigen, o Nachbar. Ich stehe für alle Fragen ihrerseits zur Verfügung, sogar für solche betreffend Ziegenhaltung.
Stiglitz:
Diesbezüglich kann ich auf Rat und Tat Ihrerseits gut und gerne verzichten, da kein Exemplar dieser Gattung jemals seinen Fuß auf meinen Grund und Boden setzen wird. Sollte dies - Gott behüte - einmal der Fall sein, wird es mir ein Vergnügen sein, es eigenhändig in meinem Biotop zu ersäufen.
HHH:
Möglicherweise nehmen das Ihre Goldfische krumm.
Stiglitz:
Da offenbar jede Erkenntnis einen weiten Bogen um Sie macht, lassen Sie sich, geehrter Nachbar, darüber aufklären: Ein Biotop ist kein Zierteich, folglich kann es auf Goldfische verzichten. Fische sind in diesem Umfeld völlig fehl am Platze, zumal sie mit Kröten und Fröschen nicht harmonieren.
HHH:
(erleuchtet)
Jetzt wird mir Einiges klar.
Stiglitz:
Wie bitte?
HHH:
Das nächtliche Konzert rührt von Ihrem Biotop her.
Stiglitz:
(pragmatisch)
Es wird sich um die nächtliche Antwort der Frösche auf das tägliche
Geblöke Ihrer Ziege handeln.
HHH:
Eher blökt unsere Gundl, ois dass Sie ihr tägliches Meckern einstön.
Stiglitz:
(unversöhnlich)
Ihr Vieh stinkt!
HHH:
Und Ihr Biosumpf lockt des Ungeziefer aun.
Stiglitz:
(hoheitsvoll)
Mag sein. Aber es sinkt nicht so tief und vermischt sich mit dem Ihrer Ziege.
Mein Ungeziefer hat nämlich Stil.
HHH:
(gallig)
Schade, dass die Insekten von Ihren Lurchen gefressen werdn und net umgekehrt.
Daunn könnt ma moi a ruhige Nocht verbringen.
Stiglitz:
Bedauerlich, dass die Geruchsorgane einer Ziege minder ausgebildet scheinen, wie übrigens das ganze Vieh. Sonst würde sie unweigerlich an ihrem eigenen Gestank zugrunde gehen, und nach einigen letzten Röchlern könnte man einen ruhigen Tag verbringen.
HHH:
(sarkastisch)
I werd mit meiner Geiß trainieren. Des hohe „C“ und die Koleratur.
Wer von euch als Erster röchelt.
Stiglitz:
Und ich werde eine Ausweitung meines Biotops ins Auge fassen. Sie ahnen nicht,
wie sich Frösche unter dem vermehrten Nahrungsangebot durch Insekten fortpflanzen.
Die Trompeten von Jericho werden sich gegen das geeinte Konzert ausnehmen wie schwachbrüstiges Gezirpe. Gute Nacht, Herr Nachtbar!
HHH:
(sich leicht verbeugend)
Guten Tag! Auch im Namen meiner Ziege!
(Steiß verlässt mit seinen Kinder im Gefolge sein Grundstück, schickt sie aber heftig gestikulierend zurück, bevor er HHHs Grundstück von der Straße her betritt. Er winkt mit einer Zeitung)
Steiß:
Hermann Hugo, host an Moment Zeit?
HHH:
Des Haus wird erst 2030 fertig.
Steiß:
Es is wichtig.
HHH:
Mei Haus a. Wos gibt‘s?
Steiß:
(außer sich)
Waßt, wos die in der Zeitung schreiben? Die wolln bei uns a Mülldeponie bauen.
HHH:
(ungläubig)
Na geh?
Steiß:
(sich ereifernd)
Joo. A Mülldeponie! Bei uns in Königstetten!
HHH:
(einlenkend)
Loss lesen.
(Er nimmt die Zeitung an sich)
Steiß:
(aufgeregt)
Des muaßt da vorstön! Die wolln uns an Misthaufen vor die Haustir legen,
a stingate, rauchige Gruabn.
HHH:
(liest)
Jo, oba do steht nix Definitives. Königstetten wird ois Staundpunkt
in Erwägung gezogen. Oba do san jo no –zig aundere Ortschoften
aungführt, die in Froge kommen.
Steiß:
(weiterhin aufgeregt)
Wir kumman in Froge! Allanich des is ja a Waunsinn. Stö da vor, die
zagen auf an Punkt auf der Landkorten, do liegt dei Haus und die sogen:
Des kummt ois Müllhaufen in Froge!
HHH:
(amüsiert)
Waßt, wos da Stiglitz sogen tät? - Stinken tuats jetzt a scho.
Natürlich auf Hochdeutsch.
Steiß:
(prustet)
Dein Hamur mecht i haum. Die wolln a Deponie bauen. Do! Verstehst?
A Gstättn in Königstetten! A glaunzvolle Gstättn! Wohrscheinlich wird s‘
besonders groß. Wie kumman wir dazua?
HHH:
(nachdenklich)
Und wos wüst jetzt mochen? Wennst an Salto schlogst, is höchstens a Gruabn
im Saund, des könnt ma scho missdeuten. Wir müssen zuwortn, bis wos offiziell wird. Die können uns jo net übergehen.
Steiß:
(regt sich über die Maßen auf)
Die können net? Die können net? Host du a Auhnung, wos die Herren Politiker
ollas können. Die wern ollas tuan, um uns deppat sterben zu lossen. Die san
do net draun interessiert, dass ma an Negeraufstaund mochen. Waun mia
des erfohrn, daunn is da Zug obgfoahrn, drauf kaunnst Gift nehmen.
HHH:
(nickt einsichtig)
Wos wirst oiso tun?
Steiß:
(grinst perfid)
Mi profilieren! Die werdn mi kennanlerna. Schließlich bin i Umwötgemeinderot.
I werd mitn Burgermaster reden. Der waß bestimmt nix davon, wäu da Blemenschitz
waß nie wos.
HHH:
(nachdenklich)
Vor a poor Tog host ma vorgschwärmt, wos Königstetten für
a ruhiger, menschengerechter Plotz is.
Steiß:
(engagiert)
I versprich da, Königstetten wird wieder lebenswert. Do kummt ma ka Deponie her.
Wir san a aufstrebende Fremdenverkehrsgemeinde; des vertrogt si net mit ana
Deponie. Des wern a die maßgeblichen Herren einsehen miassn.
HHH:
(irritiert)
I hob glaubt, do kommen kane Touristen her?
Steiß:
(genervt)
Eh net! Oba des is a gewichtiges Argument, wennst sogst, du bist a
Fremdenverkehrsgemeinde. Do kaunn si kana drüber hinwegsetzen.
Wir kennan uns do net des Stodtbüd verhunzen lossen.
HHH:
(einwendend)
Die Deponie kommt eh net in die Stodt. Wenn s‘ überhaupt kommt,
daunn irgendwo außerhoib.
Steiß:
(wischt alle Einwände ungeduldig zur Seite)
Wurscht. Allanich waun mas waß, wirken die Häuser scho grau.
Des Rothaus, da Hauptplotz, ollas grau. Die Bam, grau.
HHH:
(milde spottend)
Manst du in Maibam?
Steiß:
(unwirsch)
Red net so bled. Mia wolln a Allee pflaunzen in der Hauptstroßn. Bis viere
zum Hauptplotz, wo‘s Rothaus steht. Des wird a richtige Avenü.
HHH:
(sarkastisch)
I kaunn‘s mia lebhoft vorstön. Aun an Ende des Rothaus, aum aundern
die Mülldeponie. Die Entsorgung is gewährleistet.
Steiß:
(argwöhnisch)
Wie manst des?
HHH:
(abwinkend)
Des host foisch verstaunden.
Steiß:
Oiso, I versprich da ans: Die gaunze Gemeinde wird zsaumhoitn.
Wie a Maun wird die gaunze Bevölkerung aufsteh und protestieren.
A Deponie is ka Lösung! Wäu Obfoi muass vermieden werdn. Stimmt's?
HHH:
(kann sich des Beifallheischens nicht erwehren)
Stimmt!
Steiß:
(abschließend die Achsel zuckend)
Und außerdem könnten s‘ die Deponie genausoguat in da
Nochborgemeinde mochen.
(HHH sitzt in der Redaktion der „StadtLandPost“, einem karg eingerichteten Zimmer, der von einem Schreibtisch und einem Regalkasten dominiert wird, und telefoniert konzentriert. Während des Gesprächs betritt Herausgeber Michael Mayer, ein älterer Herr mit leichtem Bierbauch - vulgo „M“ - mit einer Bierdose in der Hand das Büro und lauscht dem Gespräch, während er am Bier nippt)
HHH:
(vergewissernd)
Dir is jedenfois bekaunnt, dass a Studie existiert, wonoch zehn oder zwölf Staundorte
in Froge kommen? ... Jo, in der Zeitung ... Na, net in unserer ... Offenbor bist net nur du undicht ... jo ... a Expertenkommision, verstehe ... Geh, informier' mi, wenn da wos unterkummt. I bau nämlich grod a Haus in Königstetten ... Wie? ... Na! Wenn i jetzt
verkaufen wollt, frogatn mi die Leut, ob i deppert bin ... Wos? ... Du unterschätzt des.
Die Neuigkeit is wie a Lauffeuer durch die Stodt gaungan. Die Babies im Kinderwogen schreien net Mama oder Papa, sie schreien: Deponiiie! Und des „i“ hängt hinten draun
wie a Luftschutzsirene. Die Oitn, die den Zweiten Wötkriag no miterlebt haum, ober scho
im Grob liegen, rappeln sie wieder auf. Da Trochtenverein putzt scho die Woffen ... Na,
des is ka Spaß ... Wie?... In Leisbrunn kommt sicher ka Deponie? Wieso waßt des? ...
A so, dort hot si da Vorsitzende sei Haus baut. Danke, des genügt ... danke, danke ... Tschüss.
(Er legt auf)
Mayer:
(der skeptisch das Telefonat mitverfolgt hat)
Wer wor des?
HHH:
Mei Spezl, der Schubert.
Mayer:
(nicht völlig ironiebefreit)
Is des der, der tot is?
HHH:
Jo, oba politisch is er no net tot. Da Schubert Gustl. In da Schul
hauman immer Ungustl gruafn. Und jetzt is er in der Laundesregierung.
Mayer:
(mäßig interessiert)
Und wos sogt er?
HHH:
Er is net informiert. Oba a Studie gibt’s. Des hot a bestätigt.
Mayer:
(nickt zufriedengestellt)
Daunn könn ma jo mit an Aufmocher in Druck geh.
HHH:
(unsicher)
Ohne Fakten?
Mayer:
(nicht lange überlegend)
Wir haum a Faktum: In Königstetten soll vielleicht a Deponie errichtet werdn.
Okay, die Suppn is dünn, oba wenn ma des „vielleicht“ vergessen, schmeckt s‘
glei noch wos. Wir würzen mit an Schuss allgemeine Problematik und mit
ana Prise düstere Zukunftsaussicht. A poor Interviews mit aufgeregte Bürger -
die geben eanan Senf dazua, und fertig is des Gericht! A klassischer
Umwötskandalbericht.
HHH:
(kritisch)
Is des a Bericht über an Umwötskandal oder a Skandalbericht über die Umwöt?
Mayer:
(beäugt seinen Redakteur)
Wir wolln a Zeitung verkaufen!
HHH:
(zweifelnd)
A Zeitung is ka Burenwürschtl. Nur die Finger kaun ma si genauso verbrennen.
Mayer:
Derf i a private Froge stön?
HHH:
(überrascht)
Oba natürlich.
Mayer:
(sehr direkt)
Wüst d u a Deponie vor deiner Haustür?
HHH:
(bläst die Backen auf)
Natürlich erhebt mi der Gedaunke aun a Mülldeponie vor meiner Haustür net
in lichte Höhen. Aundererseits: Du produzierst Dreck, i produzier' Dreck ...
Und wohin damit? Du stöst die Froge, ob i a Deponie wü, mit ana Bierdosen
aus Alu in der Haund. Na, wos is? Host ka Dejavü-Erlebnis?
Mayer:
(ungerührt)
Na. Oba noch zehn Dosen hob i a Rauscherlebnis. Wos wüst von mir?
Die Aludosen kummt ins Recycling.
HHH:
(sachlich)
Jo, oba im Vergleich zu ana Pfaundfloschn brauchst de zehnfoche Energie,
um des Zeug herzustön.
Mayer:
(bereits genervt)
I brauch die zehnfoche Energie, wenn i dir zuahear. Oba daunn denk i ma,
zum Glück bin i net a no verheirat. Waßt, du siehgst des ollas zu drastisch.
HHH:
(kommt in Fahrt)
Findst? In Österreich werden jährlich mehr ois 500 Millionen Aludosen erzeugt.
Des is doch net drastisch. In da Dritten Wöt werdn die Lebensräume von de
Einheimischen zerstört, weil jährlich 100 Mio Tonnen Bauxit für die Aluerzeugung
obbaut werdn. Des is oba net drastisch. San eh nur Neger. Zumindest für Leit wie di.
Für jede Tonne Alu schiaß ma zehn Tonnen Kohlendioxid in die Atmosphäre.
Die leidet a bissel. Oba drastisch is des net.
Mayer:
(am Ende seiner Geduld)
Okay, okay, i werd draun denken!
HHH:
Jo, oba mehr net! Waßt wos? Wir bringen den Aufmocher, oba mit nobler
Zurückholtung. Okay?
Mayer:
(um des lieben Friedens willen)
Einverstaunden. Wäu sonst hoitst ma no an endlosen Vortrog, und wir miassn
a Fortsetzung drahn.
(Festsaal von Königstätten. Bürgermeister Rudi Blemenschitz steht vorne am Podium hinter einem Redepult und hält eine Ansprache vor zahlreichem Publikum, bestehend aus Einwohnern seiner Ortschaft. Wer keinen Sitzplatz gefunden hat, steht, und das sind viele)
Blemenschitz:
(im breiten Funktionärsjargon)
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir alle,
die wir hier sitzen oder daneben stehen, wir alle schätzen unsere Gemeinde
als s t i l l e n O r t , wo sich der Lärm in Grenzen hält, ebenso die
Geruchsentwicklung. Nun ist Gefahr im Anzug, meine Damen und Herren. Wir
aber werden uns mit allen uns zu Gebote stehenden Kräften hinsetzen, und -
glauben Sie mir, meine Damen und Herren - es wird etwas herauskommen. Wenn
wir alle Hebel in Bewegung setzen, wird sich der vorliegende Fall in Wohlgefallen
auflösen. Unsere Fraktion hat in Windeseile Strategien entwickelt. Vergessen wir
aber nicht, dass der Druck von uns allen ausgehen muss – damit sich alles in
Wohlgefallen auflöst.
Laute Zwischenrufe:
Bravo!
Blemenschitz:
(fährt routiniert fort)
Natürlich werden wir Plakate an allen in Frage kommenden Stellen einsetzen.
(Spontaner Applaus)
Außerdem planen wir einen Schweine ... ah ... Schweigemarsch zum Friedhof,
wo wir das Projekt einer Mülldeponie auf unserem Gemeindegebiet symbolisch
begraben werden. Die Medien sollen aufhorchen, was hier zum Himmel stinkt,
denn auch die Menschen draußen müssen es hören. Dann, und nur dann können
wir auf die Unterstützung aller hoffen. Auf dass sie uns nicht alleine lassen in
dieser schweren Stunde, denn ein Brocken wie dieser, meine Damen und Herren,
der muss erst verdaut werden. (Heftiger Applaus)
Es werden aber auch Gespräche mit der Regierung abgeführt. Politiker, die ihre
Worte nicht halten können, sollen sich hüten, denn wir werden uns keine
Hemmungen auferlegen. In der allergrößten Not werden wir uns selbst vor
dem Europarat nicht zurückhalten.
(längeres Johlen, Applaus, Zustimmungsrufe)
Blemenschitz:
(fährt sich mit der Hand über die schwitzende Stirn)
Meine Damen und Herren, all diese Aktionen kosten natürlich Geld. Wenn Sie die
Gemeinde in ihrem Kampf gegen die Mülldeponie finanziell unterstützen wollen,
dann benützen Sie bitte mein Spendenkonto bei der Blamag, Kto.Nr. 1234-5678910,
leicht zu merken, ich wiederhole: 1243, pardon, 34, also 1234-67, pardon, 567, also
von vorne ...
(Es ist Nacht, alles ist ruhig, der Mond steht still am Himmel. Das Haus von Stiglitz, der Rohbau von Hermann Hugo Herzeig, das Zelt davor, alles liegt ebenso still und friedlich. Plötzlich ertönt via Lautsprecher lautes Ziegengemecker. Der Lärm kommt in regelmäßig unregelmäßigen Abständen und unüberhörbar aus Stiglitz' Fenster.
Im Zelt der Herzeigs zeigt sich Licht)
HHH:
(richtet sich auf seiner Schlafmatte auf, brüllt zornbebend und außer sich)
Stiglitz, Sie Arschloch!
(Stiglitz spielt daraufhin die Signation der einstigen Ö3-Sendung „Musik zum Träumen“, sprich: „Last Date“ von Duane Eddy)
(Heller Tag. HHH befragt Passanten an unterschiedlichen Standorten in Königstetten
über ihre Meinung zur geplanten Mülldeponie. Er ist mit einem Mikrophon ausgerüstet)
HHH:
(zu einem Mann mittleren Alters)
Entschuldigen Sie, hätten Sie einen Augenblick Zeit?
Unumwundener:
Ja, bitte?
HHH:
Ich bin von der „StadtLandPost“ und...
Unumwundener:
Von da Post? Warum schreibn S' ma kan Briaf?
HHH:
Weil's mail scho erfunden is. Na, die „StadtLandPost“ ist a Wochenzeitung.
Unumwundener:
A so.
HHH:
Ich möchte gern von Ihnen wissen, wie Sie zur geplanten Deponie stehen.
(hält ihm das Mikrophon unter die Nase)
Unumwundener:
(überlegt nicht lange)
Auf jeden Foi so, dass der Rauch in die aundere Richtung blost.
HHH:
(zur Studentin, jugendlich, dynamisch, am Puls der Zeit wirkend)
Was halten Sie von der geplanten Mülldeponie?
Studentin:
(kritisch)
Steht diese Frage unter einem geschlechtsspezifischen Aspekt?
HHH:
(irritiert)
Wie meinen Sie das?
Studentin:
(präzisiert)
Ich meine, werten Sie meine Antwort aus unter dem Gesichtspunkt, dass
Frau und Mann ihre singulären Sichtweisen differenziert verbalisieren,
so dass sich rein demoskopisch eine Verifizierung - symptomatisch, aber
in abstrakto gesehen - parallelisieren ließe?
HHH:
(völlig überfordert)
Wie bitte?
Studentin:
(betrachtet HHH einen langen Moment abschätzig wie einen Idioten,
um dann mit kurzem Kopfschütteln zum Schluss zu gelangen)
Sie san a Haummer!
HHH:
(zu einer älteren, gebrechlichen Dame mit Einkaufstasche)
Was halten Sie von der geplanten Mülldeponie?
Alte Frau:
(total verloren)
Deponie?
HHH:
(versucht ihr auf die Sprünge zu helfen)
Sie haben doch sicher gehört: Königstetten ist für eine Mülldeponie im Gespräch.
Alte Frau:
(ratlos)
Königstetten?
HHH:
(nachdrücklich, zumal bereits leicht ungeduldig)
Ja.
Alte Frau:
(mit der freien Hand deutend)
Sie müssen die Hauptstraße weiterfahren. Wenn Sie außerhalb
der Ortschaft rechts abbiegen, noch zirka sechs Kilometer.
HHH:
(zusehens verwirrt)
Was ist dort?
Alte Frau:
Na - Königstetten. Die Deponie liegt irgendwo außerhalb.
Sie müssen jemanden fragen.
HHH:
(hält einen weiteren Passanten auf)
Haben Sie schon davon gehört, dass hier in Königstetten
eine Mülldeponie errichtet werden soll?
Edmund "Mundl" Sackbauer:
(aus der TV-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“)
Jo, und rundherum stöns besonders hoche Pfosten auf.
San Sie ana davo? Oder woin S‘ mi vaorschn?
HHH:
(wiegt den Kopf)
Wie ma’s nimmt. I hob an einschlägigen Job.
Mundl:
(kommt die Erleuchtung)
A sooo. Sie san a richtiger Interjua?
HHH:
(nickt erleichtert)
Ganz recht. Wos hoitn Sie oiso von ana Deponie vor der Haustür?
Mundl:
Jo oiso, i bin eigentlich mehr a Wiener, wia ma so sogt. I besuch do nur
mei Tant. De Milli Tant, net? Najo, i hob gheart, a Mille sois kosten.
HHH:
(erstaunt)
Woher haum S‘ denn die Zohl?
Mundl:
Von da Tant. De is a Kolportagekünstlerin.
HHH:
Eine wos?
Mundl:
(direkt werdend)
A Trotschn! Sogn S‘ amoi: Wo isn do des Fernsehen?
A Interju ohne Kamera, wo gibt‘sn sowos?
HHH:
(aufklärend)
I bin von der Zeitung, net vom ORF.
Mundl:
(nachdenklich studierend)
Mir kummt oba vur, i hätt Ihna Gsicht scho gsegn...
HHH:
(trocken auf eine bekannte Replik zurückgreifend)
Des kaunn sein. I wechsel sötn.
Mundl:
(anerkennend)
Hern S‘, Sie haum an Schmäh. Jetzt glaub i Ihna, dass net vom Fernsehen san.
HHH:
(spntan, listig)
San S‘ net so voreilig. Haum S‘ schon wos von der versteckten Kamera ghört?
Mundl:
(bläst die erstaunt die Backen auf)
Net sogns...
HHH:
(in seiner Rolle angekommen und auskostend)
Oba jo. Jetzt san S‘ ka Spüverderber. Lächeln S'. Dorthin! Jo ... und jetzt schick
i Ihnen an Polizisten. Der waß net, dass do a versteckte Kamera postiert is.
Lächeln S' nur immer weiter, egal wos er sogt oder tuat. Immer nur lächeln.
Bucken S' Ihna vielleicht no a bissl und lossen S' die Orm obehängen.
Mundl:
(wie ein Primat)
So?
HHH:
(ermutigend)
Jo, genau. Und net vergessen: Immer weiterlächeln. Solaung, bis der
Kameramaunn auftaucht und den Polizisten aufklärt. I geh jetzt ausn Büd.
Mundl:
(begeistert)
Is guat. Hearst, des wird a Gspaß...!
HHH:
(streng)
Bücken! Lächeln!
(Nacht. Das gleiche Szenario wie neulich, die benachbarten Häuser von Stiglitz und den Herzeigs liegen friedlich unter dem Mond. Vom Hause Stiglitz' ertönt erneut über Lautsprecher das typische Meckern von Ziegen. Da ertönt vom Zelt der Herzeigs her ebenfalls eine Lautsprecheranlage. Aus dieser quakt ein Froschkonzert. Es sind keine handelnden Menschen erkennbar, aber Stiglitz dreht die Lautstärke hinauf. HHH dreht ebenfalls lauter. Beide drehen immer lauter, in einem absurdem Wettbewerb.
In der Nachbarschaft gehen die Lichter an. 'Ruhe'-Rufe erschallen, es wird geschimpft.
Eine Polizeisirene nähert sich)
(HHH und Laura sitzen alleine im Parteienraum der Polizeidienststelle von Königstätten.
Die Tür öffnet sich und Franz Ferdinand Steiß betritt den Raum)
Steiß:
(leutselig)
Hallo Nochborn. Mir kommt vor, ihr wort's auf mi?
HHH:
(murrend)
Gratuliere zu deinem Schorfsinn. Endlich bist do.
Steiß:
(entschuldigend)
Schnöller is net gaungan. 90 in der bebauten Zone!
HHH:
Die Polizei hot a Theater gmocht, ois hätt' ma vor ihre Augen a Strofmandat zerfetzt.
Steiß:
Des wundert mi net. Wos is eichn do eingfoin?
Laura:
(entschuldigend)
Wir wollten lauter sein ois da Stiglitz.
HHH:
(triumphierend)
Und es is gelungen!
Steiß:
(mit wenig Verständnis)
Ihr seids Spinner!
HHH:
(beschwert sich bitter)
Den Stiglitz haum s‘ scho vor ana Stund' gehen lossn.
Steiß:
(väterlich)
Und wos schließt ihr daraus?
HHH:
(verbohrt)
Dass der Stiglitz Norrenfreiheit hot oder bessere Beziehungen.
Steiß:
(nickt)
Zum Beispiel. Oba es kaunn a sein, dass er die Polizisten net mit
„Kurzsichtige auf Sonntagsausflug“ tituliert hot.
HHH:
(reumütig, aber nicht sehr)
Des is ma ausgrutscht.
Steiß:
Und waunn die Beamten schlecht sehgn, host eana empfohlen, dass
sa si Klobrillen aufsetzen. Des wor vielleicht um a Spur zu hilfsbereit.
HHH:
Tut mir leid, aber der Stiglitz hot mi so wüd gmocht.
(immer noch zornig)
Und daunn haum s' u n s ausn Bett gholt!
Laura:
(pragmatisch)
Können wir jetzt gehen?
Steiß:
(seufzend)
Jo, natürlich. Des Taxi steht vor der Tür. Zu Diensten. Vielleicht
seids nächstes Moi a bissl dezenter.
HHH:
(abwinkend)
Schon gut, es wird net mehr vorkommen.
(Steiß öffnet die Tür. Im selben Moment wird draußen am Gang gerade Edmund "Mundl" Sackbauer vorbeigeführt, der einen Blick in den Raum erhascht, HHH sofort erkennt und losbrüllt)
Edmund "Mundl" Sackbauer:
(außer sich)
Des is a! Des is a! Der Hurensohn!
(Steiß schlägt die Tür hastig wieder zu und lehnt sich von innen dagegen)
Steiß:
(zu HHH, betont ruhig)
Sog nix. Sog ma nur ans: Glaubst, werd i zum Mittogessen daham sei?
(Am nächsten Morgen. HHH kehrt vom Bäcker zurück und tritt gebückt ins Zelt, wo Laura am Propankocher ein Frühstück bereitet)
HHH:
Schatziputzihasi, bist schon auf?
Laura:
(aufgeräumt die Kaffeekanne auf den Campingtisch stellend)
Aber ja.
HHH:
(packt einige Weckerl aus dem Papiersackerl vom Bäcker)
Kost amoi und frog mi, ob des a oits Weckerl is.
Laura:
(drückt probeweise an dem Gebäck)
Knusprig wie a Banane und zäh wie Leder. Wird wohl frisch ausn Gfrierschrank kommen.
HHH:
(mit Anzeichen falscher Begeisterung)
Richtig! Und des is no net ollas. Schau dir d e s Weckerl aun und schau dir d e s aun.
Laura:
(verständnislos)
Beides san Grahamweckerl. Wos is damit?
HHH:
Deins is wesentlich klaner. Kost oba genausoviel!
Laura:
Aah! - Und wieso is des kleinere meins?
HHH:
Weil du die Kleinere von uns bist.
Laura:
(nickt einsichtig)
Jo, des is a einleuchtendes Argument. Erinner mi bitte, dass i da heute
zu Mittog die größere Portion Kürbisgemüse auf‘s Teller klatsch.
HHH:
(protestierend)
Do klatsch i oba gor net. Wieso scho wieder Kürbis?
Laura:
Die Frau Bürgermeister wor so gnädig und hot uns zwei Kürbisse
vom eigenen Komposthaufen zukommen lossen. Sie lässt ausrichten,
du sollst dirs schmecken lossen. Lieb, gell?
HHH:
(missmutig)
Die Dame is ka Umgaung für di. Dir verdirbts den Charakter und mir den Mogen.
Laura:
(beruhigend)
Du brauchst di net um mi zu sorgen, Bärlibär. Wenn mein Charakter im
Umgaung mit dir net leidet, droht von da Blemenschitz a ka Gefohr. I werd‘ ihr deinen warmen Dank morgen übermitteln.
HHH:
(irritiert)
Morgen? Is die Seánce net erst am Freitog?
Laura:
Normal scho. Oba morgen werma Kontakt aufnehmen mitn Großvater
von da Greta. Damit er uns sogt, wo die Deponie hinkommt.
HHH:
(skeptisch)
Der Großvater muaß scho vermodert sein. Nehmt ihr des wirklich ernst?
Laura:
(kurz angebunden)
Die Blemenschitz nimmt‘s ernst.
HHH:
(sich Butter auf das Weckerl streichend)
Hört, hört! Tritt der Blemenschitz auf da Stö, dass er scho
sei Frau einspaunnt? Mit so obskure Methoden?
Laura:
(Kaffee schlürfend, nicht aus der Ruhe zu bringen)
Hauptsoche, erfolgreich.
HHH:
(höhnisch)
Wenn Geist hilft, solltest a poor Vierterl trinken, wie neulich.
Vielleicht entdecken s‘ di ois Medium.
Laura:
(verzieht das Gesicht)
Spott nur! Wer zuletzt locht, locht am besten. Übrigens wor
gestern da Franz-Ferdinand do.
HHH:
(lakonisch)
Hot er von den Schnitzeln, die sei Frau kocht, scho gnua?
Laura:
Er hot erzählt, dass aungeblich Leut von da Vermessung in da Gegend
herumkrebsen. Oba niemand was, wo. Und morgen fohrt da hoiberte
Gemeinderot noch Wien auf’s Bundekanzleraumt, a Protestnote obgeben.
HHH:
Hoffentlich haum s‘ an Dolmetsch mit.
Laura:
Der Herr Bürgermeister wird des scho ausdeutschen.
HHH:
(sinnierend)
Klaus Maria Blemenschitz, genannt Rudi Explosion (engl.) Wenn der
des Wort ergreift, ergreifen die Zuhörer die Flucht. Weil der sprengt
olle Regeln der Redekunst.
Laura:
(lächelnd)
Jawoll, do detonieren die Sätze.
HHH:
(zustimmend)
Richtig. Brauchen s‘ ka Gruabn ausheben, haum s‘ glei an Plotz für die Deponie.
Laura:
(ihren Mann fokussierend)
Du wirst laungsam zynisch.
HHH:
Oba woher.
(erhebt sich)
I fohr jetzt. I muass no die Interviews schreiben.
Laura:
(erstaunt)
I hob glaubt, die host schon?
HHH:
Des is net druckreif. Die Leut äußern si, dagegen is jeder Rülpslaut a
Dissertation. Do glaubt niemand, dass des echte Interviews san.
Laura:
(spitzbübisch)
Frog m i amoi.
HHH:
(ahnungslos)
Wos soll i di denn frogen, Schatziputzihasi?
Laura:
(kokett)
Ob i di lieb hob...!
HHH:
(obwohl schon im Gehen begriffen, lässt sich spontan vor ihr auf die Knie
sinken und umklammert theatralisch ihren Unterleib)
Geliebte! Wäre ein Stacheldrahtverhau um dein Herz, ich würde ihn wegreißen.
Und lägen deine Füße des Nachts eiseskalt zu Bette, ich würde sie wärmen, als wären es die meinen. Und hättest du Mundgeruch - Gott behüte - ich würde
dich küssen und küssen und küssen - Ollerdings nicht unbedingt. Liebst du mich?
Laura:
(drückt ihn gerührt an sich)
Oba jo, du Blödian.
(Im alten Gemeindegasthaus von Königstetten, das schon bessere Zeiten erlebt hat und den Geruch der Vergangenheit atmet. Einige Zecher sitzen beieinander am Stammtisch. Einige andere der einfachen Tische sind ebenfalls besetzt.)
Der Ignorant:
De san olle unfähig. Waunn‘s noch mir gingat, wa scho laung geklärt,
dass de Deponie net kummt.
Der Nichtssager:
Richtig, Schurli. Des is des, wos i immer sog. Olle unfähig.
Der Ignorant:
De mochn si's leicht. De sogn si, in Königstätten leben eh lauter Aupritschte.
Denen unterjubeln ma de Deponie. Draut si eh kana wos sogn.
Der Nichtssager:
Richtig, Schurli. Des is des, wos i immer sog. Lauter Aupritschte.
Der Ignorant:
Oba do haum sa si teischt. De glaubn, sie kennan eanare Probleme
bei uns owözen.
Der Besserwisser:
(der mit einem Glas in der Hand an der Theke steht)
I wü mi net einmischen, oba derf i wos dazua sogn? Des is a oigemeins Problem.
Vorher hot‘s an Butterberg geben. Den haum s‘ in die Sun gstöt. Jetzt gibt‘s an
Müllberg. Und der zageht net.
Der Ignorant:
De soin den Mü vabrenna und aus.
Der Nichtssager:
Richtig, Schurli, des is des...
Der Besserwisser:
„Und aus“ stimmt genau. Waunst ollas vabrennst, wird’s boid aus sei. Mit uns!
Beim Vabrenna von dem Glumpert wird sovü Gift frei, des geht aun die Luft,
des schluckst in ana Tour. Und i red gor net vom Treibhausaffekt. Vastehst,
de Wöt dirrt aus. Da Woid wird hi, da Mensch wird hi.
Ein Gast an den Tischen:
(als wäre es lustig)
Hihi.
Der Ignorant:
Geh, so a Bledsinn. Glaubst leicht ollas, wos da de Wissenschoftler dazöhn?
Vabrenna, des is des anzig Sinnvolle.
Der Besserwisser:
Ollas kaunst gor net vabrenna...
(In diesem Augenblick betritt ein stämmiger, brutal aussehender Gast das Lokal, ein Arbeiter, aber es könnte auch ein Arbeitsloser sein. Jemand an einem der anderen Tische stößt ein Glas um)
Ignorant & Nichtssager:
(fast unisono)
Hallo, Pepi!
Der Dominator (Pepi):
(stellt sich an die Theke)
Griaß eich. Griaß di, Wirt. A Seidl bring ma.
(Zu den am Tisch Sitzenden)
Hobts scho de Zeitung glesn?
Der Ignorant:
(ganz Frage)
Na?
Der Dominator:
De Interjus. Du glaubst gor net, wie deppat de Leit san. Do sogt ana,
es gäbat wos Schlimmeres ois a Mülldeponie vur da Ortschaft.
Der Besserwisser:
(mischt sich wieder ein)
Gaunz unrichtig is des jo net.
Der Dominator:
(wirft einen Blick auf den offensichtlich Nichtortsansässigen, dann zu den anderen)
Wer isn der?
Der Ignorant:
A Obagscheida.
Der Besserwisser:
Des hot mit obagscheit nix z‘tuan. Oba Mü vabrenna is nur der vorletzte
Schluss von da Weisheit. Waunst kan Obfoi erzeugst, brauchst nix vabrenna, und brauchst ka Deponie.
Der Dominator:
Du bist a Grüna, gö?
Der Besserwisser:
Ma braucht ka Grüna sei, damit an des einleicht. Ma muass jo a ka Pforra sei,
waun ma in de Kirchn geht.
Der Ignorant:
(beharrend)
I sog, Vabrenna is des anzich Sinnvolle, wäu aunders kriagn ma den Mist, den
ma scho haum, nimma los. Außerdem brauch i ka vaschandelte Laundschoft.
Der Besserwisser:
(achselzuckend)
Bamgerippe san a net scheena.
Der Dominator:
Daunn soin s‘ de Deponie woaunders bauen. In Erbsdorf.
Der Besserwisser:
Eich foit a nix Neiches ei.
Der Ignorant:
Oja! Du bist bestimmt a Urologe. Wüst di net vapissn?
Der Nichtssager:
Richtig Schurli, des is des...
Der Dominator:
(drohend)
Mir kummt vur, dir is recht, waunn s‘ bei uns a Deponie baun?
Der Besserwisser:
(wiegt nachdenklich den Kopf)
Jo, waunn sas urndlich obdichten und a Geruchsbelästigung ausgschlossn is...
Der Ignorant:
(aggressiv)
D e i Geruchsbelästigung is vü schlimmer. D u stinkst uns.
Leit wie du san schuid, wauma a Deponie kriagn.
Der Dominator:
(zustimmend)
Jo, soiche Aunsichten unterminiern die Moral. De Leit finden sie o.
Sie resigniern. Oba wir woin uns net ofinden, vastehst, du Senfgurkerl?
Der Besserwisser:
(die drohende Gefahr der Eskalation ignorierend)
Es gibt Leit, de denken, bevur s‘ reden und wägen o, ob net a Kompromiss
im Bereich der Möglichkeit liegt.
Der Ignorant:
Wir denken oiso net?
(Laut in den Gastraum, in dem man nach und nach schon das Gespräch mitverfolgt hat) Hobts gheart, Leitln? Wir denken net. Oba der Herr Schöngeist denkt.
Erster Gast:
Is des da Letzte Mohikaner oda a Söbstmörder?
Zweiter Gast:
Geh, vaschwind, du Zumpferl!
Mann von der Müllabfuhr (in "Uniform"):
Der ghert glei mit an Lostwogen voll Dreck zuagschitt. Olle, die so deppat reden.
Der Besserwisser:
(die Bedrohlichkeit der Situation in einem Anflug von Zorn immer noch unterschätzend) Woits ihr ollen Ernstes behaupten, a Deponie stöhrt eich, drei Kilometa vom Ort
entfernt, wos ihr bestimmt nie hinkummts? Da Großtäu von eich riart si mitn Orsch
do eh net aus da Stodt auße. Des is a Massendefekt, a Hysterie. De wird künstlich
erzeugt. Und de Leit mitn Bierglasl vorm Hirn durchschaun des net.
Der Dominator:
Du vatrickata Auerhauhn, du Arschivari. Jetzt werma amoi aunde re Saitn aufziagn.
Der Ignorant:
(verbal applaudierend)
Hau eam in de Goschn!
Erster Gast:
Zivücourage is jo gaunz schee, Burschi, oba damit wirst net weit kumma.
Mann von der Müllabfuhr:
Hechstens tiaf.
Der Ignorant:
Jo. In an Einweggebinde auf de Deponie, de ma scho haum. Hinter da Kirchn.
Der Besserwisser:
I vasuch eich nur begreiflich zu mochn, dass a Deponie net kilometerweit z'stinkn
braucht und net auffällig sei muass.
Der Dominator:
Du bist jetzt auf und fällig, du unfähiges, minderbemitteltes Eichhörnchen.
(Der Dominator versetzt dem Besserwisser einen Stoß, dass dieser taumelt und sein Getränk verschüttet)
Der Nichtssager:
Moch eam de Nuss auf...!
Dritter Gast:
(versucht, zu beruhigen)
Lossts eam in Rua! So unrecht hot er jo net.
Erster Gast:
(verblüfft)
Bist du a so deppat?
Der Ignorant:
(kopfschüttelnd)
Lauter Trotteln!
Der Besserwisser:
Waunst nau amoi herhaust...!
Der Dominator:
(provokant)
Wos is daunn, ha? Des moch i kane fuffzg Moi, i waß. Wäu nochn drittn Moi
liegst eh scho und schnaufst.
(Der Dominator schlägt ein weiteres Mal auf den Besserwisser ein)
Wirt:
(in Aufregung)
Gebts a Rua! Aufhearn!
(Es ist zu spät. Der Besserwisser schlägt zurück, und ein Großteil der Anwesenden wird in die nachfolgende Schlägerei miteinbezogen. Mobilar zerbricht und Gläser)
(Seánce in einem abgedunkelten Raum: Rund um einen Tisch sitzen Greta Metapopolous als Medium, Adele Blemenschitz, Laura, Irene, Charlotte. Auf dem Tischchen steht ein umgestülptes Wasserglas auf einer Papierunterlage mit Buchstaben und Zahlen. Alle haben den Finger auf den Glasboden gelegt. Der Raum liegt im mystischen Halbdunkel, ein Räucherstäbchen franst aus und verbreitet Rauchspiralen, gespannte Stille)
Charlotte:
(eine hagere Blondine mittleren Alters mit Brille)
I bin so nervös.
Greta:
(beruhigend)
Charlotte, bitte. Du irritierst den Geist.
Charlotte:
(fahrig)
Verzeihung.
(Stille)
Greta:
(leise, nachdem sie sich gesammelt hat)
Großvater, hörst du mich?
Adele:
(eine stark übergewichtige Dame zwischen 50 und 60, nicht sonderlich gepflegt wirkend) Du muasst lauta reden. Er wor schwerhörig.
Greta:
(lauter)
Großvater, hörst du mich? Wenn du mich hörst, gib uns ein Zeichen.
(Ein Stuhl knarrt)
Charlotte:
Habts es ghört?
Greta:
(leise genervt)
Charlotte, bitte sei nicht geistlos. Der Sessel hat geknarrt, aber das ist keine
Geisterscheinung, sondern eine Frage von Altersschwäche.
Charlotte:
(mäuschenhaft)
Verzeihung...
(Stille)
Greta:
(intensivierend)
Großvater, wir rufen dich. Kannst du uns hören?
Adele:
(respektlos)
Des is a terrische Kapölln!
Greta:
(geht nicht ein auf den Zwischenruf)
Gib uns ein Zeichen!
(Stille)
Laura:
(registriert plötzlich)
Die Uhr is stehengeblieben.
Irene:
(eine vollbusige Dame jüngeren Datums, sie kichert ausnehmend dumm)
Es is a Staunduhr!
Greta:
(fühlt sich bemüßigt, darauf einzugehen)
Das Laufwerk ist kaputt. Seit 15 Jahren. Aber wenn sich die Zeiger wieder einmal
bewegen, werde ich wissen, dass Großvater mir etwas Wichtiges mitzuteilen hat.
Laura:
Telepathisch?
Greta:
Vielleicht.
Irene:
(unpassend)
Heut' is er apathisch.
Adele:
(missmutig)
Warum losst er die Uhr net schlogen?
Irene:
(kichert dumm)
Vielleicht is er ka Zeitgeist!
Greta:
(mit Festigkeit)
Ich habe den Eindruck, dass wir über den Status eines geistig
minderbemittelten Kaffeekränzchens nicht hinauskommen.
Adele:
(rätselnd)
Und wenn er si net für Mülldeponien interessiert?
Greta:
(gequält)
Ich habe ihn ja noch gar nicht gefragt. Wie wär's mit ein wenig Geduld,
meine Damen? Hiermit appelliere ich an euern Esprit.
Adele:
Jawohl, wir san a spiritus...spiriti...
(hilfesuchend zu Laura)
Na! Jetzt bring is net auße.
Laura:
Spiritistisch. Dir geht's wie dein Maunn.
Adele:
(mahnend)
Net politisch werden, meine Liebe...
Charlotte:
(kleinlaut)
I glaub, i muss boid aufs Klo.
Greta:
(jetzt wirklich genervt)
Ich sehe mich außerstande, eine Seánce durchzuführen,
weil ich kann mich nicht konzentrier‘n.
Laura:
(entschlossen)
Wir konzentrieren uns jetzt.
(Stille)
Greta:
Großvater. Hörst du mich? Gib uns ein Zeichen!
(Stille. Plötzlich ruckt der Tisch)
Greta:
(plötzlich entspannt und gelöst)
Hallo, Großvater. Wir begrüßen dich. Schön, dass du vorbeischaust.
Kannst du mich gut verstehen?
(Das Glas fährt über das Papier zu den Buchstaben J & A)
Greta:
(mit geschlossenen Augen)
Und wie geht‘s es deinem Zipperlein?
(Das Glas auf dem Tisch saust unter den Fingern davon, stürzt vom Tisch und zersplittert. Greta fällt in Trance.)
Greta:
Die ärztliche Versorgung ist übel, sagst du? Weil die sind weiter unten tätig?...
Aja, Brandwunden... Grässlich... Großvater, ohne dich unterbrechen zu wollen, aber wir haben eine Frage an dich, deren Beantwortung uns am Herzen liegt. Kannst du
uns bitte sagen: Wo soll diese geplante Mülldeponie errichtet werden? Wo soll……?
Greta:
(sinkt in ihrem Stuhl zusammen, ruckt wieder hoch)
Jaaa ..... Großvater, du bist dir sicher?
(Der Tisch ruckt nachdrücklich, die drei wechseln erschrockene Blicke)
Greta:
Selbstverständlich zweifeln wir nicht an deinen Worten. Danke, danke, dass du uns
den Blick geöffnet hast. Wir danken dir... Wie?... Zu Allerseelen einen extragroßen
Kranz?... Mit goldener Schleife?... Und einer Widmung, ja ....danke, Großvater... danke.
Adele:
(die erschöpft zurückgesunkene Greta musternd, schließlich neugierig)
Und?
Greta:
(öffnet langsam und schwer die Augen)
Er hat gesagt: Bei irgendana öden G‘stätten am Galgenberg! Wortwörtlich.
Adele:
(ratlos)
I kenn kan Galgenberg. Wo soll der sein?
Irene:
(kichert dümmlich)
I kenn a Menge Galgenstricke...!
Charlotte:
(erhebt sich entschlossen)
I muss jetzt aufs Klo.
Laura:
(zu Greta)
Verstehst du das?
Greta:
Beim Wald drüben, bei den ehemaligen Rauchgründen, da hat’s im Mittelalter
eine Richtstätte gegeben. Vielleicht hat er die gemeint.
Adele:
(geht ein Licht auf)
Ah sooo...
Laura:
Schön, dann is ja alles geklärt. Aufbruch!
(Sie erhebt sich und schaut zufällig in Richtung Standuhr)
Aber he!... Greta, du, wann is deine Uhr stehengeblieben?
Greta:
Vor 15 Jahren.
Laura:
(ungeduldig)
Nein! Um welche Uhrzeit?
Greta:
Fünf vor zwölf.
Laura:
Dann schau mal, wie spät‘s jetzt is!
Greta:
(verständnislos)
Zwölf vor fünf! Das gibt's ja nicht.
Adele:
(gerade, dass sie sich nicht auf die Schenkel klopft)
Na, des is ein Spaßvogel!
Irene:
(völlig ratlos)
Wos will er denn damit sogn?
Greta:
(philosophisch abgeklärt)
Wir kleinen Geister begreifen überhaupt nichts...
(HHHs Grundstück. Die Ziege spannt die Leine, mit der sie an einem Pflock hängt, um mit dem Maul an ein auf der abgenutzten Wiese herumliegendes Plastiksackerl zu gelangen.
Der Pflock rutscht aus der Erde)
(Heller Tag. Laura und HHH stehen ratlos vor dem Rohbau ihres Hauses und schauen umher. Die Ziege ist verschwunden. Im Boden, wo der Pflock war, ist ein Loch)
Laura:
(liefert einen Lagebericht)
I war Einkaufen, und wie i zurückkomm, steht des Tor einen Spalt offen
und die Gundl is weg.
HHH:
(vergewissert sich)
Die wor doch aunghängt, oder?
Laura:
Natürlich.
HHH:
(die Luft scharf ausstoßend)
Des wor bestimmt der Stiglitz!
Laura:
(zeigt sich nicht überzeugt)
Des kaunn i ma net vorstellen. Er is zwar ein komischer Kauz,
und - zugegeben - er mog die Gundl net, oba so weit geht er
bestimmt net.
HHH:
(skeptisch)
Und wie weit geht er?
Laura:
Bis zur Grundstücksgrenze. Übrigens haum wir neulich recht
nett miteinaunder geplaudert.
HHH:
(horcht auf)
Möchtest du damit unterschwellig behaupten, dass i
die Auseinaundersetzungen provozier'?
Laura:
(betont sachlich)
I behaupt' gor nix. Unser Diskussion droht ins Fruchtlose
obzugleiten, und des bringt die Gundl net zurück.
HHH:
(befriedet)
Schön, wos mochen wir jetzt?
Laura:
Erkundigen wir uns bei den Nochbarn. Normalerweise
rennt a Haustier jo net weit weg, oder?
HHH:
Normalerweise...
Laura:
Hast an besseren Vorschlog?
HHH:
(ironisch)
Tischerlrücken: „Wo ist die Ziege?“
Laura:
(fühlt sich veräppelt)
Sei net kindisch.
HHH:
Hot euch da Geist vom Großvater wenigstens wissen
lossen, wohin die Deponie kommt?
Laura:
Des wirst net glauben. Beim Woid, durt wo früher die Richtstätte wor.
HHH:
Bravo. Netter Flecken. Beweist Geschmock, euer Großvater.
(kann das Sticheln nicht lassen)
Hot er a Grundstücksbegehung gmocht?
Laura:
(unmutig)
Blödmann.
HHH:
(einlenkend, zugleich am Sarkasmus festhaltend)
Host recht. So aktiv sans nimmer noch an längeren Aufenthoit
unter da Erden. Oba vielleicht hot er an Geologiekurs belegt. Daunn
hätt‘ er euch glei wos über die Bodenbeschoffenheit sogen können.
Laura:
(bestimmt)
I geh jetzt die Gundl suchen. Und du kaunst weiter witzig sein.
HHH:
Ohne Publikum mocht‘s kan Spaß.
Laura:
A poor Verwegene hör'n da bestimmt zu. Oba du kaunst gern mitkommen.
HHH:
Leite mich, Schatziputzihasimausi, leite mich...
(Wiesen, Felder, Äcker, Hügel. Ein müder HHH und Laura stehen im Begriff, eine kleine Bodenerhebung in der Umgebung von Königstetten zu erklimmen)
HHH:
(motzend)
Wenn i über die sieben Hügel Roms marschiert wär, wär i nie auf den
Gedaunken kommen, dort a Stodt hinzubauen. Mir reichen scho zwa Hügel.
I kaunn mir net vorstön, dass do irgendwo a Deponie herkommen soll.
Laura:
(einige Schritte voran)
Wir sind glei heroben. Daunn gibt‘s a gscheite Aussicht zum Woid hin.
HHH:
Wir wären besser den Weg unten entlaunggaungan. D o finden wir die
Gundl nie. Des is doch ka blödes Viech. Die wär do nie raufkraxelt.
Laura:
Und wos willst in der Mulde unten sehn?
HHH:
Und wos seh i do?
Laura:
Wenn die Gundl irgendwo do unten wär, könnt mas sehn.
HHH:
(spitzfindig)
Wenn die Gundl unten wär, hätt mas unten a gsehgn.
Laura:
Aaah, du kaunst oiso um die Ecken schauen? Willst jedes Bergl
umrunden? Daunn samma ewig und zwa Stunden unterwegs.
HHH:
Wenn i do aufakeuch und krieg an Herzinfarkt, weil i mi so
aunstrengen muass, dauert's a gaunz schön laung, bis i
übern Berg bin.
Laura:
(mittlerweile des Diskurses müde)
I hör immer Berg. Bist du wirklich schon so oit? Des is doch a
läppische Bodenerhebung.
HHH:
Wir san gaungan von Königstetten über den von euern Opa
prognostizierten Staundort und jetzt bis doher. Und des wor net
nur a Bodenerhebung. Des is a Hügellaundschoft. Und wir
haum s‘ besichtigt wie a EKG: Aufe, obe, aufe, obe...!
Laura:
(pointiert)
Des is a Bewegung, die dir sonst gfoit.
HHH:
Schatziputzihasimausi: Nur in Zusaummenhaung mit Venushügeln.
Übrigens, do kommt mir a Idee!
Laura:
(vorausahnend, abwehrend)
Nana, lieber net. I fühl mi beobochtet. Außerdem
müss ma die Gundl finden, bevor‘s dunkel wird.
HHH:
(deutet plötzlich)
Du, schau moi, wos mochn die Zwei dort?
Laura:
(folgt HHHs Blickrichtung)
Sowas. Wo san denn die jetzt herkommen?
HHH:
Keine Ahnung.
Laura:
(herumrätselnd)
Spaziergänger san des net.
HHH:
Schaut aus, ois würden s‘ wos .... vermessen?
(Mit einem Blick zu Laura)
Denkst du desselbe wie ich?
Laura:
Des is oba nicht die Gegend, wo da Großvater ...
HHH:
(unterbricht höflich)
Möchtest du meine Meinung über den Großvater hören?
Laura:
Mir scheint, des sind wirklich Laundvermesser.
HHH:
(bläst)
Daunn san wir die Ersten, die den zukünftigen Deponiestandort
kennen. Des wird a Aufmocher!
Laura:
Wenn die Leut' in Königstetten des erfohren, kommen s‘ her
und lynchen die zwa ormen Teufel.
HHH:
Des is net ausgschlossen. Gestern hot‘s im Wirtshaus a Schlägerei
geben, weil ana die Deponie net ausreichend verteufelt hot.
Laura:
Und?
HHH:
Die aundern worn in der Überzoi. Einige verletzt, und
des Lokal gleicht ana Deponie.
Laura:
Du, des geben wir net in die Zeitung.
HHH:
Wos? Wie? Wir?
Laura:
Des wär verauntwortungslos.
HHH:
Und wos, glaubst du, is mein Beruf?
Laura:
Du bist Journalist. Deshoib werden dir menschliche Erwägungen
jo net fremd sein, oder? Die Leut‘ do unten mochen lediglich ihrn
Job. A Staundortbeschreibung zum jetzigen Zeitpunkt provoziert an
Exodus derer, die für a Radikallösung plädieren.
HHH:
(klagend)
Des is die Headline des Monats!
Laura:
(ungerührt)
Des is die Entscheidung der Stunde!
HHH:
(mustert Laura lange, seufzt schließlich)
Schatziputzihasimausi, du hast ja so recht. Oba es geht um gaunz wos
aunderes. I will genausowenig a Deponie wie die restlichen neun Millionen
Österreicher. Sicher, i bin net dabei, wenn si a poor Trottel den Schädel
einhauen. Oba verstehst, noch dieser Beobochtung bin i ka Beobochter
mehr. I bin a Betroffener. Jetzt, wo‘s notwendig wäre, neutral zu bleiben,
würd i am liebsten a Lawine lostreten, die des gaunze Projekt verschüttet.
Laura:
(setzt sich ins Gras und zieht HHH mit)
Wuzibär, komm her.
(HHH lässt sich auch ins Gras sinken, er legt den Kopf in ihren Schoß, und Laura beginnt, sein Haar zu kraulen)
HHH:
(nachdenklich)
Weißt du, das jeder Österreicher im Schnitt 350 Kilo Müll jährlich produziert?
Laura:
(unentwegt weiterstreichelnd)
Nein...
HHH:
Eigentlich produziert ihn die Industrie, großteils. Oba jeder einzelne von uns
is ihr Handlanger. Zwa Millionen Tonnen Dreck! Des is soviel wie a Würfel
mit ana Kantenlänge von an Fußboiföd.
Laura:
Und das belastet dich ...?
HHH:
Oder denk aun den Sondermüll. Hochgiftig.
Laura:
Und wo wird der gelogert?
HHH:
Wos waß i? Im Soizstock. Oder im Auslaund. In den Entwicklungsländern.
Die taunzn gern am Vulkan - na, Unsinn! Erstens is den Industrieländern
die Entsorgung a Haufen Göd wert - und welches Dritte-Welt-Laund braucht
des net? - und zweitens is den Ländern oft gor net klor, wos do an
krebserregenden Chemieobfällen, Dioxin, usw., geliefert kriagn. Es is monströs.
Die Haut verätzen sa si, und die Hoor foin eana aus. Und jetzt kommst du
und verlaungst von mir, dass i bei dieser beschissenen, klanen Mülldeponie
sowos wie Verauntwortung zag.
Laura:
(einfach)
Ja.
HHH:
(sich empörend)
„Jaaa“, sogts! I leb davon, über solche Dinge zu berichten, is dir des klor?
I verdien mei Göd damit! Und überhaupt verdienen olle Göd damit.
Die Verpockungsindustrie, die Deponiebetreiber, die Müllmakler. Die
Behörden san damit beschäftigt, Wissenschofter erstellen Gutochten, die
Post befördert Staundpunkte hin und her, die Gegner von so an Projekt
beschäftigen Polizisten, die Polizisten beschäftigen Gegner, beide beschäftigen
Verkäufer und Textilfirmen, wenn sa si des Gwaund zerfetzen, und beide
beschäftigen die Rettung. Ärzte kurieren Akutfälle oder Langzeitschäden, und
wenn des a nix mehr nutzt, daunn verdienen die Bestattungsinstitute. Wir
p r o f i t i e r e n vom Müll! Wir profitiern von unserer Verauntwortungslosigkeit!
Und i soll gegen den Müll schwimmen?
Laura:
(zu Bedenken gebend wie das sprichwörtliche Gewissen)
Jo. Weil der Mob latent bereit is, irgendjemand zu lynchen, a wenn s‘ damit
gor nix verändern.
HHH:
(nachdenklich)
Der oite Großvoter wird wissen, warum er vom Galgenberg erzöht hot.
Laura:
(mahnend)
Sei net so zynisch. Du host letzte Wochn in der Zeitung a ausgesprochen
agressive Stimmung unter den Menschen geortet. Und die Realität hot dir
recht gegeben.
HHH:
(resignierend)
Ach, Scheiße.
Laura:
Tja, Wuzibär, du musst entscheiden, ob du mit den Menschen
heulen willst oder a friedliche Lösung unterstützen.
HHH:
Die Frage lautet: Kaunn i persönlich mit ana Deponie leben,
ja oder nein?
Laura:
Wir alle leben im Überfluss. Wir müssen daher a die Folgen
akzeptieren. Ma kaunn den Müll net obschieben. Schon gor
net dorthin, wo die Menschen von der aungenehmen Seite der
Zivilisation a nix haum.
HHH:
(in einem Humoranfall)
Du meinst, wer diniert, muss a die Blähungen in Kauf nehmen?
Laura:
(gutmütig spottend)
Unnachahmlich, wie du des auf den Punkt bringst.
HHH:
Du erwortest a Entscheidung von mir?
Laura:
(bestätigend)
Das ist die Stunde des Hermann Hugo Herzeig.
HHH:
(entschlossen)
Schön. Dein Wille geschehe. I hob nie an Landvermesser gesehen. Du?
Laura:
(zärtlich)
Mit dir kann ich leben. Und weißt du, warum?
HHH:
(mutmaßend)
Wohrscheinlich, weil i genauso a Schmutzfink bin wie die aundern.
Laura:
Du eitles Geschöpf hoffst nur, dass i dir widersprech. Und den Gefallen tu
ich dir sogar: Wuzibär ist kein Schmutzfink. Sowos hätt‘ ich doch nicht lieb.
HHH:
Du meinst: Deine Sorgen mit mir sind keine „Entsorgen“?
Laura:
Richtig. I geh sogor soweit und sog: Man kann dich wiederverwerten.
Krieg i a Bussl?
HHH:
(neckend)
Wieso? Is a Feiertog?
Laura:
Nein. Aber die Gundl grast seit geraumer Zeit do drüben. Es wor gor
net leicht, sie während deines Selbstfindungsprozesses nicht aus
den Augen zu verlieren.
HHH:
Gott, bist du berechnend! Abgebrüht!. Jetzt kriegst wirklich a Bussl.
Laura:
Aber! Heut' is doch ka Feiertog!
(HHH fährt mit seinem Auto zu Hause vor, Franz Steiß eilt ihm auf der Straße entgegen)
Steiß:
(durchaus aufgeregt)
Hearst! Da Blemenschitz is heit aungrufen wurdn. Von da Laundesregierung!
Wir wissen jetzt, wo s' die Deponie planen.
HHH:
(schließt die Autotür, ohne großes Interesse zu bekunden)
Ah geh? Wirklich?
Steiß:
Jo! Auf die ehemoligen Rauchgründe.
HHH:
(den Erstaunten mimend)
Wie poetisch. Die Gegend wär jo prädistiniert.
Steiß:
(eifrig Bericht erstattend)
Jetzt hauma unsern Plan geändert. Der Schweigemarsch führt net
mehr zum Friedhof, sondern wir marschier‘n glei zur Deponie.
HHH:
(wiegt bedenklich den Kopf)
Hoffentlich hoit’s Wetter. Aungsogt is schlecht.
Steiß:
(im Gottvertrauen)
Des hoit! Und außerdem is des egal. Ob‘s regnt oder furzt oder schneit,
jeda wü dabeisei. Gaunz Königstätten wird demonstrier‘n. Und Österreich
wird aufhorchen. Wort‘s ob!
(Am Hauptplatz von Königstätten. Einige wenige Leute, darunter Franz Steiß, haben sich eingefunden und stehen reglos im strömenden Regen, ein trostloses Bild vermittelnd)
(Am nächsten Tag bei Sonnenuntergang. Die Veranstaltung der Rathausopposition findet auf einem Podium im Freien statt, dahinter ein riesiges Plakat mit dem Text:
„SIND SIE ABFALL ODER MÜLL? SIE SUCHEN EINE G’STÄTTEN?
SIE LIEGEN FALSCH IN KÖNIGSTETTEN!“
Unter Applaus tritt Walter Simandl, im altvatrischen Trachtenanzug, hinter das Standmikro)
Simandl:
(argumentierend)
Meine Damen und Herren, es liegt auf der Hand, dass Königstetten, mit einer
der höchsten Nächtigungsziffern in Niederösterreich, nicht zum Endlager einer
bornierten Gesellschaft gestempelt werden kann. Schließlich liegen wir in einem
bekannten Erdbeeren- ... Erdbebengebiet, und der Fremdenverkehr ist unsere
Hoffnung.
Steiß:
(der sich mit HHH am Rand des Platzes im Hintergrund hält):
Die letzte.
HHH:
(mehr zu sich)
Des nenn i Verzweiflung.
Simandl:
Bis vor kurzem hat man versucht, uns über den geplanten Standort im Unklaren
zu lassen. Und jetzt - siehe da! - stellt sich heraus, dass exakt an dieser Stelle
seit Jahren ein Badesee - jawoll, ein Badesee! – geplant ist. Unsere elementarsten Interessen, meine Damen und Herren, sind bedroht.
Steiß:
(wundert sich)
Des hör i zum ersten Moi.
HHH:
Die Opposition geht’s gschickt aun. Passts auf, dass net i h r boden geht’s!
Simandl:
(ereifert sich)
Wenn die Deponie kommt, können wir den See abschreiben, dann verlier‘n wir
unsere Lebensqualität, unsere saubere Umwelt, unsere gute Luft (Eine Rauchwolke schwebt über dem Publikum, alle saugen manisch an ihren Zigaretten),
dann verlieren wir aber auch unseren Anstand.
Steiß:
(unmutig)
Wos wü er denn do verlier'n?
Simandl:
Das Allerschlimmste aber ist:
(er donnert)
Dann verlieren wir unsern Glauben an die Gerechtigkeit!
(in den Applaus hinein)
Eine Wortmeldung? ... Ja, bitte! ... Wie is ihr Name?
(Er hält dem Mann vor der Tribüne das Mikrophon hin)
Mann aus dem Volk:
Rupert Munzenreiter. I wü nur sogn, wäu grod von Gerechtigkeit die
Rede wor. Wieso, so mecht i frogn, kriagt net Erbsdorf die Deponie?
Schließlich haum s‘ die neiche Umfohrung a vor uns kriagt.
(Frenetischer Publikumsapplaus, Zustimmungsrufe, Pfiffe)
Simandl:
(spielt ein Heimspiel)
Danke, danke. Ja, meine Damen und Herren, auch auf dieses Argument wird man zum gegebenen Zeitpunkt eingehen müssen. Wir wollen uns nicht des Florianiprinzips zeihen lassen, das nicht. Wer es versuchte, der wäre in höchstem Maße unglaubwürdig, meine Damen und Herren, aber ist es denn nicht so, dass man Fragen in den Raum stellen kann, die man diskutieren muss? Also stellen wir doch die Frage, die uns bewegt, frei von Emotionen und ohne Vorurteil
(demagogisch)
Warum, meine Damen und Herren, wird nicht eine Deponie auf Erbsdorfer Grund und
Boden in Erwägung gezogen?
(Tosender Applaus)
In diesem verlorenen Kaff,
(Tosender Applaus)
wo sich nicht nur die Füchse Gute-Nacht sagen,
(Tosender Applaus)
wo keine Infrastruktur besteht,
(Tosender Applaus)
wo keine Touristen hinkommen,
(Tosender Applaus)
wo selbst die Post nur widerwillig hinfährt,
(Tosender Applaus)
dort ließe sich eine Deponie v e r g e s s e n, meine Damen und Herren!
(Alles tobt - völlig entfesselt)
Simandl:
(das Schlusswort anreißend, die Stirn abtupfend, weil ihm der Schweiß in die Augen rinnt)
Unsere Fraktion wird auf ihrem von Anfang an veräußerten Standpunkt beharren:
Ich verspreche Ihnen: K e i n Standpunkt in Königstetten! Ich darf nun das Wort weiterreichen an den Prof. Kaspar Kaiser, dessen Forschungsstation Ihnen ja ein
Begriff ist. Der Titel seiner Wortmeldung: „Abfall von sauberen Sitten“! Bitte, Herr
Professor!
Prof. Kaiser:
(ein Mann mit weißem Rauschebart ist auf die Bühne geklettert und nimmt vor dem Mikrophon Aufstellung, sein Erscheinungsbild lehnt sich stark an an jenem des Verhaltensforschers Dr. Otto König oder jenem des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz)
Guten Tag...
(Er richtet sich das Mikro zurecht)
Guten Tag, meine Damen und Herren. Zu allererst möchte ich mich für die
herzliche Einladung bedanken. Ja, nun, es ist vom Standpunkt der Wissenschaft vollkommen in Ordnung, dass Sie die Standortwahl der Entsorgungsstätte, das Gebiet der sogenannten Rauschgründe, pardon, Rauchgründe, in Frage stellen.
Denn die fehlende Standsicherheit des Geländes ermöglicht leicht ein Rutschen,
ein In-Bewegung-geraten verschiedener Schichten, wodurch Basisabdeckungen
reißen und somit Schadstoffe ins Grundwasser vordringen können. Und noch ein
Problem dürfen wir nicht übersehen: Den auf dem Gebiet der projektierten
Deponie zurinnenden Purbach müsste man zweifellos umleiten, wobei eine
eklatante Bedrohung der Flusskrebspopulation abzusehen ist. Wie wichtig ist uns
das Überleben einer Tierart, meine Damen und Herren?
(Applaus)
Prof. Kaiser:
Wenn ein Standort in einem wasserwirtschaftlich sehr intensiv genutzten Gebiet
geologisch nicht ausreichend untersucht ist, dann kann man davor nur warnen
und warnen und immer wieder nur warnen. Der Untergrund i s t unsicher...
(In diesem Moment ertönt ein weithin hörbares Krachen und der Professor versinkt bis zu den Hüften im Bretterboden der Tribüne. Ein Bühnenarbeiter eilt hilfsbereit herbei und stellt das Mikrophon mit routinierten Bewegungen auf die Höhe des kaiserlichen Kopfes herab)
Prof. Kaiser:
(ins Mikro)
Und damit bin ich eigentlich am Ende meiner Ausführungen angelangt.
(Während der Applaus abschwillt, wird das Mikrophon ein Stück zur Seite getragen, und man sieht den Professor, wie er in den Planken steckt und sich für die Ovationen mit höflichen Verbeugungen bedankt)
Simandl:
(am neuen Standpunkt des wieder hochgestellten Standmikros)
Meine Damen und Herren, wir kommen jetzt zum Höhepunkt des heutigen Abends.
Junge, engagierte Musiker haben unseren Protest in Worte gekleidet und werden ihn
uns heute erstmals zu Gehör bringen. Zugleich werden sie den Versuch unternehmen,
mit diesem Protestlied, das 220 Strophen umfasst - ich hab aber nicht gezählt, hehe -
ins Buch der Rekorde zu kommen. Unser Notar, der Dr. Edel, wird mit gestrengen
Ohren über den ordnungsgemäßen Ablauf der Veranstaltung wachen. Sie haben uns
etwas zu sagen. Hier sind: (Simandls Stimme überschlägt sich nach dem Vorbild professioneller Ankündiger)
„Die Petritzdorfer Leibeigenen"!!!
(Bravorufe, Applaus, Pfiffe, das Schlagzeug setzt ein, dann die Musik, vorerst untermalend)
Frontmann der Band:
Danke. Jo, danke, wir haum wos zu sogn. Nämlich, wer ma san... Aum Schlogzeig,
Ludwig Reh! – fost wie da gleichnamige Gott - E-Gitarre, Reinhard Ländlich!... aum
Boss, Otto Amboss ... und i bin da Schurli Tänzer .... Tjo, i hoff, Ihr druckts uns de Dam,
wir druckn eichan a ... Ihr wissts jo: A Dam druckt in aundern. Oiso: Gemmas au!
(In das nachfolgende Zustimmungsgebrüll mischen sich die ersten Takte eines Boogies, der im Stil Qualtingers interpretiert werden sollte, jedoch wäre auch ein Rap denkbar.
In der Menge hält sich auch Edmund Sackbauer auf. Er erspäht HHH und beginnt sich durchzudrängen, mit den Ellbogen arbeitend. Auch HHH entdeckt ihn jetzt und setzt sich seinerseits ab. Er verschwindet um eine Ecke, gefolgt von seinem zähen Verfolger.
Es ist Abend geworden. Beim Konzert gähnt der Notar unverhohlen, blickt immer wieder auf die Uhr. Nur wenige Menschen sind noch zugegen.
Vollmond. In einer Einblendung sieht man Greta Metapopolous, die über den Friedhof schlafwandelt.
Die letzte Konzerteinblendung zeigt die Kirchturmuhr, deren Zeiger Mitternacht weisen.
Das Publikum hat sich verlaufen, nur der Notar ist noch da und singt bar jeder Emotion mechanisch den Refrain mit. Die Gruppe verspielt sich ständig.
Prof. Kaiser steckt in den Brettern)
Band:
Boid gibt‘s bei uns a Mülldepot,
hurra, do samma furchtbor froh,
da Vata und die Mutta und de Kinder sowieso,
de spün mitanaunda Domino,
und sighst - wer pfeift si drum? -
scho foins da Reih noch um.
(ins Publikum gerufen)
Und jetzt olle den Refrain!
Wir woin ka Deponie! Wir woin ka Deponie!
Suachts eich an aundan Plotz
und entsurgts den Dreck, wurscht wie!
Erst hot in da Gegend no kana wos gspiert,
nur im Frühling hot boid nix mehr bliert.
Rund um de Gruabn san die Viecha krepiert,
und de Leit woarn olle a bissl miad.
Zum Schluss hot mas wegagfiehrt
- oba do woarns scho mutiert!
Publikum:
(grölt Refrain mit)
Wir woin ka Deponie ... (etc)
Band:
Der Vogel, gaunz oben, hoch drobn aum Bam,
der fühlt si nimmermehr daham,
denn unter eam in da stingaten Gruabn
san scho a Haufen Vegel gsturbn,
und wen des Klumpert, des do glost,
net stört, is net bei Trost.
Drum - und jetzt olle: Wir....
Publikum:
... woin ka Deponie ...
(etc, etc)
(Im Haus Steiß, der Hausherr sitzt am Esszimmertisch bei der Zeitung)
Steiß:
(laut, in plötzlicher Aufregung)
Orschlecha!
Johanna:
(ruft fragend aus der Küche)
Host mi gruafn?
Steiß:
(unwillig)
Oba na. I ärger mi.
Johanna:
(betritt forschend das Esszimmer)
Wieso denn, Franzi?
Steiß:
Wäu i des Gfühl hob, dass de unsere Einwände total übergengan
und hinter unsern Rucken weitermochen. De rucken net ob.
Johanna:
Reg di net auf. Irgendwo miassns as jo bauen.
Steiß:
(hysterisch)
Oba net in Königstetten! Woaunders!
Johanna:
(gibt zu bedenken)
Woaunders wolln sa‘s a net.
Steiß:
(polternd)
Daunn muass ma s‘ zwaungsbeglücken.
Johanna:
(nachsichtig)
Na geh! Du wüst jo a net beglückt werdn.
Steiß:
I bin a net uneinsichtig. I wü nur ka Deponie.
Johanna:
Schmunzilein, wir san ka Diktatur. Jeder hot des Recht, den
demokratischen Willensprozess der Politiker obzulehnen.
Steiß:
(beinahe weinerlich, jedenfalls verbittert)
Oba nutzen tuats nix. Wir haum jo obglehnt. Wos tamma denn
die gaunze Zeit?
(Er seufzt)
Wos haum wir net ollas unternommen. De Nochborgemeinde denunziert.
Dass de kriagn! Fuffzehnmoi samma auf Gemeindekosten noch Wien
gfohrn um an Termin beim Bundeskanzler. Fuffzehnmoi haumma ins
Crazy Horse geh miassn. Kana hot Zeit ghobt für uns ... Und daunn worma
demonstrier‘n! Treffpunkt Heldenplotz. A Schweigemarsch gegen die
Deponie ... So verschwiegen wor da Heldenplotz no nie. Ocht Leit samma
gwesn, die schweigend durtgstaundn san. Ocht Leit, und gschütt hots ...
(verbittert)
Naa, aundere soll‘n si a ärgern.
Johanna:
(zweifelnd)
Vielleicht ärgern si die got net.
Steiß:
(sarkastisch)
Na, wäu die glauben, des is a romantische Attraktion. Des musst da vorstön.
Die Sonne sinkt, und davor die Mülldeponie.
Johanna:
(ohne Ader für Sarkasmus)
I waß net. Fad is bei uns a ohne Deponie.
Steiß:
(steigert sich in sein absurdes Szanrio)
Oba der Rauch, der aufsteigt, belebt die Szenerie. Außerdem kaunnst eam
ois Obendnebel verkaufen. Des is lyrisch. De Leit' lieben de herbe Romantik
in unserer Gegend.
Johanna:
(driftet jetzt doch in den Spott ab)
Für die Illusion von an Obendnebel brauch ma a Deponie in
jeder Himmelrichtung.
Steiß:
(unmutig)
Sog, nimmst du mi ernst?
Johanna:
Schmunzilein, spätestens seit ma zsaumleben.
Steiß:
(apokalyptisch)
Die Deponie wird des Ende von Königstetten. Do foin deine
unqualifizierten Aussogen a nimmer ins Gwicht.
Johanna:
Unsinn, irgendwo miassn s‘ den gaunzen Dreck jo logern. Wiast segn, waunn
ma de Deponie wirklich kriagn, wird s‘ uns noch ana Zeit gor nimma auffoin.
Steiß:
(malt in den düstersten Farben)
Überhaupt, waunn ma uns aunan Gstaunkn gwehnt haum. Und aun‘s
verseuchte Grundwosser. Unsere Kinder werdn mutieren. Uhrn wia
Fledermäus, Glubschaugen, vier Händ' und deppert.
Johanna :
(zunehmend wütend)
Geh, red net so bled. Waunn die Kinder deppert san, wern sa‘s von dir
geerbt haum. Des geht vün so. Schlimm is nur: Wenn olle Deppen auf die
Depponie kumman, geht s‘ über.
Steiß:
(empört)
Des muass i ma net bieten lossen.
Johanna:
Na, Schmunzilein. Loss da des net bieten. Kriag an Schreikraumpf, spring
ausn Fenster, oder hupf in Gatsch. Oba faung ma nimmer von da Deponie
aun. Net bei mir daham! Du ghörst a zu de Dreckmocher. Drum brauch ma
Deponien. Moch kan Dreck, brauch ma kane Deponien!
Steiß:
(aufbegehrend)
I moch kan Dreck!
Johanna:
Des Plastiksackl vom Einkaufen host in Mistkübel ghaut.
Steiß:
I bitt di: Hätt‘ i ma‘s ins Wohnzimmer hängen soin?
Johanna:
Jo, ois Mahnung, wos d' ollas für Mist produzierst.
Steiß:
Jetzt hob i oba gnua. Du suderst mi nur aun. I geh furt.
Johanna:
Wo gehst denn hin?
Steiß:
Auf die Deponie!
Johanna:
(neugierig)
Und wos mochst durt?
Steiß:
I wort, bis d' mi hoist oder bis i wiederverwertet wia.
Johanna:
Ah jo. Nimm da an Proviant mit, wäu es kaunn laung dauern.
In b e i d e n Fällen!
(HHH verlässt morgens das Zelt. Stiglitz ruft über die Hecke herüber, worauf HHH widerwillig innehält)
Stiglitz:
(beinahe euphorisch)
Hallo, Herr Nachbar. Glückwunsch!
HHH:
(traut seinen Ohren nicht)
Wie bitte? Könnten Sie des wiederholen? Meine Ohren dürften
an plötzlichen Funktionsausfall zu beklagen haum.
Stiglitz:
(hoheitsvoll)
Es ist mir ein tiefgehendes Bedürfnis, Ihnen zu Ihrem letzten schreiberischen
Erguss zu gratulieren, der Ihrem elenden Provinzblatt in der Tat immerhin den
Glanz ein gekrönten Formates verleiht.
HHH:
(nähert sich der Grundstücksgrenze, kopfschüttelnd)
Applaus von Ihrer Seite gehört nicht zu den Dingen, die mi überzeugen,
dass a ganz normaler Tog bevorsteht.
Stiglitz:
(spitz)
Fraglich, ob es Ihnen in Anbetracht Ihrer Lebensumstände überhaupt
möglich ist, einen ganz normalen Tag in Angriff zu nehmen.
HHH:
Sie werden überrascht sein: Es is leichter, als ohne zynische Bemerkung
Ihrerseits des Tor zu erreichen.
Stiglitz:
(verzieht das Gesicht)
Wie sich in Ihrem Artikel gezeigt hat, gehört Austeilen zu Ihren wenigen
Fähigkeiten. Nur im Einstecken lassen Sie deutliche Schwächen erkennen.
HHH:
Schön, ich habe zur Kenntnis genommen, dass Sie zur unübersehbaren Schar
meiner Verehrer gewechselt haben. Gewissensfrage: Haben Sie letztens meine
Ziege freigelassen?
Stiglitz:
(beinahe beleidigt)
Ich werde mich hüten, Ihr Grundstück in Anwesenheit dieses Viehs zu betreten.
Es sei denn, mit einem Schlachtmesser!
HHH:
(sarkastisch)
Bravo! Sie fördern meine Vision von gutnachbarlichen Beziehungen.
Stiglitz:
(angeekelt)
Ich denke nicht daran, Sie in irgendeiner Art und Weise zu fördern. Dem
Gedanken möchte ich nicht Vorschub leisten, auch wenn ich mir vorhin ein
Lob abgerungen habe.
HHH:
(die Fruchtlosigkeit des Diskurses erkennend)
Zur Kenntnis genommen. Leider bin i gezwungen, unsere nette Kaffeeplauderei
abrupt abzubrechen, zumal mich mein Fanclub pünktlich erwartet. Trotzdem
danke für die Blumen. Ich werde sie einfrischen und in trüben Stunden zur
Erbauung benutzen.
(In Mayers Büro. Der Herausgeber hinter dem ausladenden Schreibtisch. HHH davor,
einen Brief lesend, Mayer bemerkt eine Coladose und stellt sie rasch in die Lade)
HHH:
„Herzeig, Sie klugscheißender Scheißkerl!“
(HHH neigt anerkennend den Kopf)
Scheint keiner aus mein Fanklub zu sein.
Mayer:
Wie bitte?
HHH:
(liest weiter)
„Ihre Kommentare nerven, Sie dummer eingebildeter Schmierant. Da Sie
unbelehrbar sind, werden wir Ihnen was zum Nachdenken geben.“
(HHH lässt den Brief sinken)
Na und?
Mayer:
Des is geschätzt da 15. Briaf, in dem s' di beschimpfen.
HHH:
Eben.
Mayer:
Oba da erste mit ana konkreten Drohung.
HHH:
Blödsinn. Des Schreiben hot vier Zeilen mit drei Orthographiefehlern.
Glaubst, i fürcht mi vor an Schwochsinnigen?
Mayer:
I glaub, i hätt‘ dein Artikel net durchgehen lossn sollen. Bei eich in
Königstetten san de Leit verruckt. De zünden ma no die Bude aun.
HHH:
(seufzt)
I hob ma docht, dass des kommt.
Mayer:
(verständnislos)
Wos?
HHH:
Dei Jammerei!
Mayer:
(entflammt)
Jo, wäu i hob die Verauntwortung. Und i sog da: Wir san ois
Bezirkszeitung des Sprochrohr für die Leit. Und net des Sprachrohr
gegen die Leit. Die Mehrheit bei euch is gegen die Mülldeponie, des is
a Faktum. Und wenn du des kritischer siehgst, is des dei Privatvergnügen.
Wäu wenn die Leit ihr Abonnement stornier‘n und net mehr inserier‘n, hob
i mehr Schoden ois des Gaunze wert is.
HHH:
Wievü Leut haum schon storniert?
Mayer:
(ob des Widerspruchs erbost)
Storniert hot no gor kana, oba des kaunn jo no kommen. A Inserent aus
eichan Kaff hot mi jedefois aungruafn und a deutliches Wort gesprochen,
vielmehr vier deutliche Worte.
HHH:
(abschätzig)
Du mochst da in die Hosen wegen nix.
Mayer:
I glaub, du wirst di jetzt um a aunderes Thema aunnehmen.
I waß a scho ans: Die Umfohrung!
HHH:
(erstaunt)
Welche Umfohrung?
Mayer:
Die Umfohrung Königstetten! Es wird scho vermessen, oba davon
nimmst du jo ka Notiz, wäu du muasst des Publikum belehren.
HHH:
(ungläubig)
Do wird scho vermessen?
Mayer:
Hearst schlecht?
HHH:
(von einer Erkenntnis getroffen)
Ich bin ein Idiot!
Mayer:
(der HHHs Verwirrung nur fehlinterpretieren kann)
Sog nix! Denk da afoch dein Teil.
HHH:
(greift sich an den Kopf)
Die vermessen, die vermessen, die vermessen!
Mayer:
Wos is mit dir los?
HHH:
Vergiss es. Brauchst mi no?
Mayer:
Oba wo. I bin froh, wenn di net siech. Baba, und foi net!
(Ein städtischer Müllwagen nähert sich HHHs Haus, reversiert zur Toreinfahrt des Gartens, entlädt dort seine gesamte Ladung auf HHHs Grundstück und fährt wieder weg. Menschen, die den Vorgang verfolgt haben, applaudieren, es werden mehr, man spricht und lacht. Immer mehr Menschen sammeln sich, manche werfen leere Aludosen auf das Grundstück, Plastikflaschen etc. Manche bringen Taschen voller Haushaltsmüll und entleeren ihn über den Zaun.
Laura kehrt nach Hause zurück, beobachtet die Übergriffe auf das Grundstück und erlebt das Johlen der versammelten Meute („Nestbeschmutzer“). Sie entfernt sich und nestelt ihr Handy heraus, um HHH zu alarmieren. Sie wählt und wartet ungeduldig.
HHH befindet sich gerade auf der Heimfahrt im Auto und nimmt das schnurrende Handy erst nach einer Weile umständlich vom Nebensitz, setzt es in Betrieb)
Laura:
Endlich! Ich bin‘s! Bitte, komm schnell! Bei uns is die Hölle los. I steh um die Ecke
von unserm Haus. Du glaubst net, wos do passiert! Do haum si die Menschen zusammengerottet, a Randale, unglaublich, a Riesenmüllhaufen liegt vorm Tor,
und die Leut' werfen ollas Mögliche übern Zaun ... Na, weit und breit ka Polizei ... jetzt red net herum! Es pressiert!... Hoit di net auf, die Polizei ruf i aun ... Jo, jo,
i pass schon auf.
(Sie nimmt das Handy vom Ohr, trennt die Verbindung, und als sie sich umdreht, sieht sie sich zwei Halbstarken gegenüber, die sie höhnisch angrinsen)
Erster:
(anzüglich)
Halloooo, schöne Frau. Wichtige Gespräche?
Laura:
(alarmiert)
Wos wollt's ihr?
Zweiter:
(genussvoll)
Wir mechtn so gern so a winziges Zündhölzl
(Er reißt ein Streichholz an)
aun den riesigen Misthaufen durt drüben hoitn, wäu es is
so schee, waunn‘s in da Nähe glost ... und stinkt ... und raucht.
(Er schnippt Laura das brennende Zündholz entgegen, sie zuckt zurück.
Währenddessen rast HHH in seinem roten Auto über die Landstraße)
(Bgm. Blemenschitz sitzt in seinem Büro und studiert die Zeitung. Plötzlich
fesselt etwas seine Aufmerksamkeit, er erhebt sich langsam, das Blatt ungläubig vor Augen, dann - in einem Ausbruch - wirft er die Zeitung hin)
Blemenschitz:
(greift sich an den Kopf, brüllt)
Ödenstetten!!
(Die Tür öffnet sich, ein Gemeindebediensteter schaut herein)
Gemeindebediensteter:
(eilfertig)
Haum S‘ gruafn, Herr Bürgermeister?
Blemenschitz:
Trottel! Haßt du Ödenstetten? Hol ma den Steiß, oba gschwind!
Steiß:
(kommt in diesem Augenblick herein)
Bin scho do. Wos gibt‘s?
Blemenschitz:
(reicht Steiß die Zeitung)
A Katastrophe. Les des!
Steiß:
(überfliegt murmelnd die Zeilen)
Aufbegehren in zahlreichen Gemeinden ... Deponiestandort weiterhin
offen ... Frechheit! Uns erwähnen die gor net.
Blemenschitz:
(ungeduldig)
Ka Wunder! Les‘ des Gsatzl rechts unten!
Steiß:
(liest)
„Bedauerlicherweise hat in unserem Bericht vom 29.6. der Druckfehlerteufel
zugeschlagen. Unter den für den Standort einer Deponie in Frage kommenden
Gemeinden wurde Königstetten genannt. Betroffen war jedoch die Gemeinde Ödenstetten. Wir bitten um Nachsicht"...
(Steiß lässt die Zeitung entgeistert sinken)
Des is net wohr!
Blemenschitz:
(pragmatisch)
Es is unwohrscheinlich, dass sa si auf a foische Meldung korrigieren.
Steiß:
(inbrünstig)
Diese elenden...
Blemenschitz:
(greift sich an den Kopf)
Aundere wern unsterblich, waunn s‘ mit ana Symphonie net fertig wern.
Uns is des mit ana Blamage gelungen. Waunn si des umadumspricht, daunn gnade uns Gott.
Steiß:
(lösungsorientiert)
Wos moch ma jetzt?
Blemenschitz:
(nachdenklich)
Wir könnten uns heimlich, oba wirkli gaunz heimlich,
um die Deponie bewerben...
Steiß:
I bitt di! Wos haum wir net olles gmocht, dass ma s‘ n e t kriagn!
Blemenschitz:
(pragmatisch)
Ma muass flexibel sei. Ob ma die Deponie kriagn und san dagegen,
oder wir kriagn ane und san dafür - i sich kan Unterschied.
Steiß:
(empört)
Du siehgst kan Unterschied? Du, werd‘ munter! Wir kriagn ka Deponie! Es is vorbei.
Blemenschitz:
(Ungehalten über die Reaktion seines Umweltgemeinderats)
Begreifst du net? Wir stön uns sunst bloß! Schließlich hob i verlauten lossn,
dass mir de Laundesregierung den Staundort mittäut hot. Dabei wor‘s mei Frau,
die de Information vom Tischerlrucken mitbrocht hot, die Urschel.
Steiß:
Nur wäu du Aungst um dein Ruf host, solln wir a Deponie kriagn?
I muass sogn, i bin enttäuscht von dir.
Blemenschitz:
(höhnisch)
Ah geh, bist enttäuscht? Stöst di liaba hin vor die Leit und sogst:
„I wor a Trottel“?
Steiß:
I wor im guatn Glauben. Und so hob i ghaundelt.
Blemenschitz:
(warnend)
Mitn guatn Glauben gwinnt ma ka Woi. De wern unsern Rücktritt verlaungan.
Steiß:
Und?
Blemenschitz:
I bin da Burgermaster, a Integralfigur. I vertritt de Partei. I man, ans is klor:
De Partei derf do net einezogen werdn. I seh momentan nur a Möglichkeit:
Du muaßt afoch de Schuid auf di nehma, daunn steht de Partei sauber do.
Steiß:
(erstaunt)
Wieso i? Und wieso afoch?
Blemenschitz:
(kalmierend)
Franzl, du waßt, dass i di sehr schätz, wäu auf di kaunn ma si verlossn.
Du host immer die Interessen der Partei vertretn, worst a treuer Weggefährte
und ois Umwötgemeinderot hoit a bissl unglücklich. Und de Leit sehgn des.
Vastehst? Die Partei kaunn si jemand, der so an Wirbel aufrührt für nix und
wieder nix, afoch net leistn. Du waßt jo: Die Optik!
Steiß:
(ungläubig)
Du manst, i soll mei Aumt zrucklegen? Wir haum do olle Entscheidungen
im Einvernehmen troffen.
Blemenschitz:
(sehr distanziert)
Najo. W i r haum uns natürlich auf di valossen. D u worst jo
Umwötgemeinderot! Oba wurscht, wie‘s wor. Schau, jeder muass bereit sei,
für die Partei a klans Opfer z' bringa. Waunn i in deina Loge wär, tät i an
Rücktritt - ohne dir nahe t r e t e n zu wolln - in Erwägung ziagn.
Söbstverständlich in ollen Ehren.
Steiß:
(tippt sich an den Kopf)
Jo, und eichan Segen hob i a. Und mitn Schauferl strats ma a bissl
Blabla hinterher.
Blemenschitz:
Du siehgst des zu krass. Oba a diesbezügliche Entscheidung von dir
miaß ma eh in ana Ausschusssitzung beroten. Franzl, jetzt schau net so ...
Franzl ... Wir stengan zu dir, egal wos passiert, oba dafür kaunn die Partei
scho a bissl Solidarität von dir erworten.
Steiß:
(gallig)
I glaub, die Sitzung wird ohne mei Beisein stottfinden. I ghör nämlich
no net zum Ausschuss.
(Die Tür öffnet sich, und der Gemeindediener tritt ein)
Blemenschitz:
(unwirsch)
Haum S' kane Fingerknöchel zum Klopfen?
Gemeindebediensteter:
(atemlos)
Verzeihung, es is dringend! Die Polizei hot Einsotzalarm.
In da Goethegossn gibts an Aufruhr.
Blemenschitz:
(verständnislos)
Wos is do?
Steiß:
(akut alarmiert)
Do wohn jo i!
Gemeindebediensteter:
Die Nochborn haum aungruafn. A Haufen Leit hot si vorm Haus von dem
Journalisten - Sie wissen scho, dem Herzeig! – versaummelt und mocht
an Terror. Wo Sie gsogt haum, der varrot die Stodt.
Blemenschitz:
(respektlos)
Trottel!
Steiß:
Rudi, wir miassn die Leut aufklärn. Sofurt! De richtn an Schoden aun,
den ma nimma guat mochen kaunn.
Blemenschitz:
(tobt)
Du!!! D u wirst des aufklär’n!
(Einstellung: HHH rast mit seinem Auto an der Ortstafel Königstettens vorbei)
(Laura ist auf der Flucht vor den Männern, die sie beim Telefonieren überrascht haben. Sie läuft in Richtung des eigenen Grundstücks, vorbei am überraschten Mob, durch das Gartentor, am Zelt vorbei, während hinter ihr die Meute nichts mehr hält und auf das Grundstück vordringt. Laura weiß nicht mehr wohin, weicht rücklings zurück und stolpert über den Strick, mit dem die Ziege Gundl am Pflock befestigt ist, wodurch er sich erneut löst. Die Geiß wird frei und stürzt sich unvermittelt auf die Aggressoren, von denen die vorderen irritiert stoppen.
Laura rappelt sich auf und läuft in Richtung Stiglitz' Grundstück.
Johanna Steiß eilt zeitgleich vom angrenzenden Grundstück mit einem Besen herbei und beginnt auf die Männer einzudreschen.
Plötzlich taucht Stiglitz hinter dem Zaun auf und bespritzt die Meute mit einem Gartenschlauch, der Feuerwehrdimensionen hat.
Laura schleudert mit den Händen Sand von einem Haufen, der für den Hausbau Verwendung findet, auf die ihr Nahekommenden, die zugleich eingenässt werden.
Die Ziege jagt die Leute im Kreis. Polizeisirenen ertönen.
Ein Teil der Leute macht kehrt und will weglaufen. Aus einem der Einsatzwagen springt Steiß mit einem Megaphon in der Hand.
Einige flüchten in die entgegengesetzte Richtung, auch einer der beiden Halbstarken, die zuvor Laura bedrängt haben. HHH kommt ihm mit dem Auto entgegen, bremst ab und bringt ihn zu Fall, indem er den Wagenschlag aufwirft, worauf der Halbstarke aufläuft und zu Boden geht. Beim Versuch aufzustehen wird er von Stiglitz‘ Wasserstrahl förmlich ins Rinnsal gespült.
Überall Getümmel zwischen Polizei und Bürgern, die sich in Aufruhr befinden)
Steiß:
(ins Megaphon schreiend)
Alle herhören! Es wird k e i n e Deponie geben in Königstetten. Es war ein
Irrtum. Eine Falschmeldung. Alle Aufregung umsonst. Bitte beruhigen Sie sich!
Ö d e n s t e t t e n ist projektiert, nicht Königstetten! Es wird k e i n e Deponie
bei uns geben! Hört alle her: Königstetten ist gerettet!
(HHH, Laura, Franz und Johanna Steiß sitzen um den großen Jogltisch in der neuen Holzküche im Haus der Herzeigs, die mittlerweile im teils fertigen Haus einzogen)
HHH:
(erstaunt)
Und du trittst wirklich aus der Partei aus?
Steiß:
Drauf kaunst Gift nehma. Oder a Parteibiachl! Oba jetzt natürlich no net. Wäu
bis zur Woi muass i des schlechte Gewissen vom Bürgermaster ausnutzen.
Laura:
(mischt sich ein)
Apropos: Schlechtes Gewissen. Die Gemeinde hot uns angeboten,
die Kosten für a neues Zöt zu trogen.
Steiß:
Bravo! Des is jo – i mecht fost sogn – generös. Do bleibt an die Spucke
weg, und ma kaunn net amoi mehr ausspucken.
HHH:
Mit an Barscheck wär‘ uns mehr g‘holfen. Daunn könnt ma den
Innenausbau weiter betreiben.
Johanna:
Jedenfois haum die Vorgänge zagt, wie weit‘s kommen kaunn,
wenn Leut' aufghetzt werdn.
HHH:
(lobend)
Ihr wort afoch großortig.
Laura:
(launig)
Darauf sollt ma aunstoßen.
(Alle erheben ihre Gläser und prosten einander zu)
Johanna:
Dabei hob i gor net überlegt. I hob nur gsehgn, do muass wos passieren.
Und do bin i hoit ausgritten mit mein Besen. Der is ma richtig in die Haund
gsprungan.
Steiß:
(liebevoll)
I hob immer scho gwusst, dass d‘ a Hex‘ bist.
Laura:
(mahnend)
Wir dürfen die Gundl net vergessen. I hob solche Aungst ghobt,
oba wie i gsehn hob, die Gundl geht in die Offensive, do hob i so an
Mordstrum Zorn kriegt - mei Aungst wor wie wegblosen.
Johanna:
Na, und wos sogt’s zum Stiglitz? Der hot bewiesen, dass ma mit eam
rechnen kaunn.
HHH:
(nickt zustimmend)
I gib‘s widerwillig zu, oba er hot Zivilcourage.
Steiß:
(wundert sich)
Hobts eam net eingloden?
HHH:
Oja, oba...
(er muss lachen)
... er kaunn net kommen, er hot Mumps. Genau: Er hot Mumps!
Johanna:
(verständnislos)
Wos gibt’s do zum Lochen?
HHH:
(aufklärend)
Weil die Kraunkheit no an aundern Naumen hot, wos glaubst? Wos glaubst?
Ziegenpeter. Ziegenpeter! Und a Kraunkheit, die so haßt, trifft ausgerechnet
den Stiglitz.
Steiß:
(erschrickt)
Jessas, i hob an Termin beim Burgermaster von Ödenstätten. I hob eam a
poor Tipps versprochen, wie er die Bevölkerung mobilisiert. I muass jetzt geh.
Wie spät haumma?
(Er blickt auf die Armbanduhr)
12 vor 5!
Laura:
(hat ein Aha-Erlebnis und schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch)
Hee! 12 vor 5! Des is es! Ödenstätten! Ödenstätten! Der Großvoter hot eh
Ödenstätten gmant und net „Öde G‘stätten“. Die Greta hat ihn einfoch
missverstaunden. Er hot’s gwusst, der oite Fuchs hot ollas gwusst!
(Die Zeiger der Kuckucksuhr an der Küchenwand beginnen wie wild zu rotieren)
Laura:
(zum Himmel zwinkernd)
Ich wette, in Ödenstetten gibt's an Galgenberg. Stimmt's, Opapa?
(Wie zur Bestätigung erschallt plötzlich der Kuckuck, der aus der Uhr hervorspringt,
obwohl die Zeiger gar keine volle Stunde anzeigen)
Laura:
(lehnt sich befriedigt zurück)
Na bitte. Da Großvater irrt si net.
Ende