Bocksprünge
Der „Schwarze Bock“ war eines der beiden uralten städtischen Wirtshäuser, die schon 1548 Erwähnung finden (das andere war der „Goldene Hirsch“ am Hauptplatz). Die exakte Hausbezeichnung „Schwarzer Bock“ fällt aber offiziell erst im Jahre 1679. Eine Sage in Gedichtform, die auf der ersten Seite der Speisekarte des Gasthofs „Schwarzer Bock“ jahrelang zu lesen war, führt den Hausnamen auf Gerwig Auer von Herrnkirchen, den Gründer des Badener Bürgerspitals, zurück. Der folgende – etwas hoppertatschige – Text, der diese mythische Entstehungsgeschichte behandelt, stammt aus der Ausgabe der Badener Zeitung vom 27. April 1912:
Das Märlein vom Schwarzen Bock
Allhier vor viel hundert Jahren,
als um die Stadt noch Mauern waren,
stand ein Haus eines edlen Herrn,
als reich bekannt in nah und fern.
Der, als er kam zu sterben,
sein Gut der Stadt that vererben
zum Nutzen armer Burgersleut,
sie zu bewahren vor Not und Leid.
Der gute Herr war auch einst jung,
nit abhold einem guten Trunk;
die Mägdlein waren ihm sehr hold,
gewann gar leicht der Minne Sold. –
Einst kam, von Wein und Liebe schwer
spät aus der Stadt nach Hause er
bei Sturm und Regen, finst’rer Nacht;
das Tor ward nit gleich aufgemacht.
Ein Strauchdieb lag im Busch und Strauch,
warf ihn meuchlings auf den Bauch.
In seiner großen Angst und Not
sah er schon seinen sich’ren Tod.
Da plötzlich mit Gepolter und Getös‘,
wie ein Teufel wild und bös‘,
mit Feueraugen, Hörnern schwer,
rennt ein Bock in voller Wut daher.
Ein Stoß, ein Krach! Mit Klagen laut
Ihr den Räuber im Graben schaut.
Dann lauft er schnell von diesem Ort
vor dem vermeintlichen Teufel fort. –
Der Edelherr, Gott hab‘ ihn selig,
Leben und Gesundheit gewann allmälig.
Der Bock stand fortan hoch in Ehr‘
und hat‘ es immer gut gar sehr. –
Damit der Wand’rer nit Not und Gefahr
vor’m Stadttor möcht‘ erleiden gar,
der Junker baute einen Gasthof hier,
gab ihm den Bock als Wappentier.
Die Gefahr, vor den Toren der Stadt überfallen zu werden, war natürlich höher als innerhalb der schützenden Mauern. Ritter Gerwig, der vom Stadttor (am Beginn der heutigen Rathausgasse) bis zu seinem Haus in der späteren Heiligenkreuzergasse eigentlich keinen weiten Weg zurückzulegen hatte, konnte von einem Bock aus dem eigenen Stall gerettet werden, der den Wegelager hurtig in den Stadtgraben beförderte, aber das Schicksal, Opfer zu werden drohte tatsächlich jedem, der in unsicheren Zeiten nachts von einem draußen liegenden Heurigen zu seiner Wohnstatt in Baden heimwankte. So ein Einkehrgasthof hatte also tatsächlich den Charakter einer Rettungsinsel oder war so etwas wie ein der Küste vorgelagerter Leuchtturm. Gehen wir davon aus, dass hinter dieser Legende mit hoher Wahrscheinlichkeit durchaus ein Funken Wahrheit existiert.
dem Einfall der Türken im Jahr 1683 wurden im darauffolgenden Jahr die damals schon städtischen Wirtshäuser neu in Bestand gegeben, d.h. verpachtet, so auch das „Bockwirthshaus“.
Zu jener Zeit lag die Gemeinde Baden im Streit mit ihrem Widersacher in Gutenbrunn, Herrn von Freundtsperg, ein in vielen Belangen erbittert geführter Kleinkrieg, der in einem Nebenaspekt auch den „Schwarzen Bock“ berührt. 1701 errichtete der neue Besitzer des ehemaligen Posthofes (= Schloss Gutenbrunn) in dem zuvor durch den Türkenkrieg devastierten Gebäude eine Kapelle, die sich gleich über zwei formidable Stockwerke erstreckte. Baden stellte allerdings unmutig fest, dass die Aktivitäten Freundtspergs nicht ausschließlich auf seine persönliche Frömmigkeit zurückzuführen waren, sondern einen knallharten wirtschaftlichen Hintergrund hatten. Die Kapelle war nämlich der Heiligen Anna geweiht worden, und also lud der umtriebige Herrschaftsbesitzer zu einem St. Anna-Kirtag. Krämer, Kaufleute, Spaßmacher und natürlich Weinhändler sollten die Szene bereichern. Wer genauer nachlesen will, sei auf Rudolf Maurers Katalogblatt Nr. 36 verwiesen, wo die Auseinandersetzungen farbig beschrieben werden. Für uns soll aber genügen, dass die Stadt Baden rechtlich keine Chance hatte, das Treiben zu verbieten und daher ein wirtschaftlicher Schaden zu erwarten war. Um diesen abzufedern und der Konkurrenz zugleich eins auszuwischen, beschloss der Stadtsenat, dem Wirt „Zum Schwarzen Bock“, der ja nur eine kurze Wegstrecke entfernt lag, quasi in Sichtweite, auf Gemeindekosten eine Kegelbahn zu bauen. Und – man gestattete ihm, den Wein um einen Kreuzer billiger auszuschenken als auf Gemeindegebiet, sodass jetzt nur mehr sechs Kreuzer fällig wurden – genau wie in Gutenbrunn!
Tatsächlich war das Bockswirtshaus in vielen Belangen eine Drehscheibe. Anfang des 18. Jahrhunderts (nachgewiesen 1729) befand sich im „Schwarzen Bock“ die Mautstube der Stadt Baden, die berechtigt war, z. B. für Holz bei der Einfahrt in die Stadt abzukassieren.
Und noch 1746 wurde hier vom Wirt die Waldmauth eingehoben, und er bekam dafür zwei Groschen Remuneration per Gulden. Der Wirt dürfte Joseph Gast geheißen haben, weil in
einer Urkunde vermerkt ist, dass er ab 1743 jährlich der Stadt Miete in der Höhe von 540 Gulden zu entrichten hatte. Immerhin eine amüsante Kuriosität, wenn in einem Gasthaus der Wirt zugleich Gast ist, das kann für Verwirrung sorgen.
Irgendwann Mitte des 19. Jahrhunderts muss sich der Wandel des „Schwarzen Bocks“ vom einfachen Einkehrgasthaus in eine gehobene Gastronomie vollzogen haben. Um 1850 erreicht uns jedenfalls ein Bericht von einem Souper im „Schwarzen Bock“ gegen halb 11 Uhr abends, wo Mitglieder der Gesellschaft der Musikfreunde des österreichischen Kaiserstaates zusammentreffen. Genannt werden Aloys Khayll (geb. 1791 – gest. 1866), berühmter Flötist am Theater an der Wien, am Burgtheater und am Kärntnertortheater, später Professor am Konservatorium bis zur Revolution 1848. Als Beethoven des aufstrebenden Talents Khaylls gewahr wurde, dürfte er die Piccolostimmen in den Symphonien Nr. 5 und 6 – einschließlich der schnellen aufsteigenden Tonleiterpassagen am Übergang zur Koda des 5. – speziell für diesen Künstler geschrieben haben ebenso wie den Piccolo-Part in Wellingtons Sieg. Neben Beethoven gibt es noch einen weiteren Badenbezug, denn Khayll musizierte am Kärntertortheater unter dem späteren Hofopernpächter Louis Duport, dem wir hier im Buch auch in der hinteren Weilburgstraße begegnen, nämlich in seiner Badener Villa. Weiters treffen wir auf Anton Friedlowsky (geb. 1804 – gest. 1875), Soloklarinettist im Theater an der Wien und am Hofburgtheater. Einer der Anwesenden war ein gewisser Mayr, vermutlich Ignaz Mayr, Trauzeuge Khaylls und zugleich Schwiegersohn von dessen Bruder Joseph, eines Oboisten. In dieser mondänen Gesellschaft mit künstlerischer Schlagseite tummelte sich auch ein gewisser Herr von Zucconi. Da lauter Musiker und Opernliebhaber zusammensaßen, könnte es sich um den damals hoch geschätzten Opernsänger Agostino Zucconi gehandelt haben (Bassist insbesondere in italienischen Opern). Egal, „dem Festabend zu Ehren ließ Herr von Zucconi mehrere, ich sage, mehrere Flaschen vortrefflichen Österreicher-Weines kredenzen, welcher auch bald seine Wirkung äußerte und die Gesellschaft in die fröhlichste Laune versetzte“. Man trennte sich gegen 1 Uhr morgens.
Das klingt alles nicht nach primitivem Einkehrwirtshaus.
Bis 1873 befand sich angeblich oberhalb des Lokaleingangs eine Steinabbildung des Badener Wappens. Heute findet man dieses Wappen übrigens im Foyer der Römertherme. Die NÖ. Landesregierung beschrieb es 1968 so: „In einem rot-weiß-roten Bindenschild ein goldener Brunnen mit ebensolchem Badeschaff, in welchem eine Frau und ein Mann in natürlicher Darstellung sitzen“.
Als der später feudal gewordene „Einkehrgasthof“ noch in der Kaiser Franz Josef-Straße lag, weil der Straßenzug erst 1911 in Pergerstraße umbenannt wurde, präsentierte er sich als schlichter Biedermeierbau (vermutlich mit einem noch älteren Kern) aus dem 2. Viertel des 19. Jahrhunderts und wirkte von außen eher wie ein Fuhrwerks- oder Handwerksbetrieb, der auch Stallungen beherbergt haben dürfte. Im Jahre 1875 wurde der Bau nachweislich aufgestockt, westlich ein großer Speisesaal zugebaut und eine neue Fassade nach Plänen des Badener Stadtbaumeisters Josef Schmidt ausgeführt. So verblieb der Zustand im Wesentlichen bis zum Ende des „Schwarzen Bocks“.
Carl Millöcker verbrachte, wie schon an anderer Stelle erwähnt, ab 1887 die Sommer in Baden und weilte zwischen 19. Juni und 3. Juli 1881 im nunmehr neuen „Schwarzen Bock“, um an der Operette „Der Bettelstudent“ Geist und Hand anzulegen. Am 19. Juli des Jahres erwarb er hier die Vertragsrechte an dem Stück, eine schwere Geburt.
Millöcker war vielleicht kein großes Beispiel für geistige Mobilität, aber es spielt im Zusammenhang mit dem „Schwarzen Bock“ auch eine Art von Antipode eine Rolle, nämlich
die Zukunft des öffentlichen Verkehrs, der pure Beweglichkeit und Standortwechsel symbolisierte, wie niemals zuvor.
Das machte sich zum ersten Mal am 7. Mai des Jahres 1907 bemerkbar, als probeweise die Autobuslinie über Siegenfeld, Heiligenkreuz, Alland nach Klausen-Leopoldsdorf eingeführt wurde. Der Bus stellte noch so etwas wie einen klobigen Kasten auf Rädern dar, in der Größe eines heutigen Kleinbusses. Die Linie hatte jahrelang mit Schwierigkeiten zu kämpfen, wurde zwischendurch immer wieder eingestellt und am 25. Oktober 1908 erneut für den allgemeinen Verkehr freigegeben.
Diesmal hielt die Regelung drei Jahre, aber im Mai 1911 endete das Abenteuer wieder, weil die Straße generell zu schlecht war (!).
Wirklichen Luxus genossen Passagiere erst ab Sommer 1924, als quasi über Nacht Baden um ein wertvolles Verkehrsmittel bereichert wurde: Zweimal täglich verkehrte ein eleganter Autobus, Fassungsvermögen 17 Personen, nach Alland.
Aber nicht nur der Bus, auch die Pferdepost hatte hier seit langem ihre Haltestelle. Da damals noch das Pergerhaus in seiner ganzen Breite am Übergang zwischen heutiger Pergerstraße und Gutenbrunner Straße die gerade Durchfahrt blockierte, ergab sich ein dreieckiger Freiraum, der dem Transportwesen zugute kam.
Der Verkehr spielte sich in der damals üblichen gemütlichen Weise ab. Je nach den Ansprüchen der Reisenden war im Wirtshaus für Unterkunft und Verpflegung gesorgt. Gewöhnlich waren die Postwirte gemütliche, schnurrige Kauze, und soll es auch ein Klischee sein, verstanden sie es doch zumeist, die Gäste zu unterhalten, so dass das Warten auf den sogenannten Stellwagen (eine Postkutsche) nicht langweilig wurde. Statt heutiger Unrast bewahrte man damals beim Reisen noch Gelassenheit oder gar Phlegma. Ganz ganz früher ließ der Postillion beim Nahen seine Hornsignale erklingen, und wenn der geschlossene, am Dach mit Schachteln, Koffer und Gepäck aller Art hochbepackte Wagen, dem meistens zwei, manchmal vier Pferde vorgespannt waren, Halt machte, dann bedurfte es noch lange keiner Eile zum Mitkommen. Es kamen erst die Pferde zur Auswechslung und die angekommenen Reisenden stärkten sich, aber auch der Postillion und der Wagenführer nahmen ihren Trunk, und dann erst ging es langsam los respektive weiter.
Ab April 1898 verkehrte der Stellwagen zweimal täglich (9.30 Uhr und 19.30 Uhr) von Baden nach Alland und retour.
Um die vorletzte Jahrhundertwende verließ die Pferdepost Heiligenkreuz Richtung Baden um 6 Uhr früh, hielt beim „Schwarzen Bock“, und kehrte um 9.30 Uhr wieder zurück.
Die Abfahrtsstelle der Postkutsche ins Helenental befand sich auf jeden Fall bis zum 1. Weltkrieg vor dem „Schwarzen Bock“, damals im Besitz eines gewissen Wilhelm Hiedl stehend.
Im Jänner 1892 wurde der „Schwarze Bock“ zum Podium für die von Gustav und Carl Calliano entdeckten legendären „Badener Alterthümer“. Es kam zu einer vom Museumsverein in kleinem Rahmen organisierten Ausstellung jener bedeutendsten Stücke, die einerseits im Winschloch in der Putschanerlucke aufgefunden worden waren, andererseits jener Überreste – die eigentlich mehr Trümmer und Scherben waren –, die von den beiden Hobbyforschern in mehrmonatiger Arbeit auf dem Burgstall zu Rauheneck aus der Erde gebuddelt wurden. Das Zielpublikum war in erster Linie ein kleiner Kreis lokalhistorisch interessierter Bürger.
Im März 1912 logierte im Zimmer Nr. 28 eine Handleserin, die Ehe, Geschäft, Familienverhältnisse und Kinder in der üblichen Manier interpretierte und jedenfalls für sich in Anspruch nahm, die „Vergangenheit unübertroffen feststellen“ zu können. Die Polizei, des
Öfteren nicht in Einklang mit der Selbsteinschätzung der Staatsbürger, hielt Marta Kossel, eine „Phrenologin aus Berlin“, zur Ausweisleistung an, und stellte sich heraus, es handelte sich eigentlich um Marta Völker aus Zell. Sie verwies auf ihre aus den Büchern von Prof. Ullrich, Dr. Gessmann und Dr. Gall erworbenen Kenntnisse, auf Grund derer sie Vergangenheit und Zukunft ersehen könne.
Das ist insofern interessant und ein lokalhistorischer Aspekt, da Franz Josef Gall, der 100 Jahre zuvor die topologisch ausgerichtete Lokalisationslehre entwickelte – wonach man im Zusammenhang mit der Schädel- und Gehirnform Rückschlüsse auf geistige Eigenschaften ziehen und klar abgegrenzten Gehirnarealen zuordnen könne – ja bis heute mit seiner Schädelsammlung im Rollettmuseum hochverehrt wird. Was wir heute zwischen dreister Anmaßung und Naivität ansiedeln, war wenige Jahrzehnte vor Frau Völkers kühnem Auftritt Stand der phrenologischen Wissenschaft, die z.B. Kindern Talente und Fähigkeiten zuschrieb, die für die Berufswahl herangezogen wurden. Nachforschungen der Polizei ergaben, dass Marta Völker in Deutschland zur Fahndung ausgeschrieben war, und das war zumindest vorübergehend das Ende ihrer Karriere, denn über ihr Leben nach der sofortigen Verhaftung wissen wir nichts. Sie hat es verabsäumt, in den Spiegel zu schauen und Rückschlüsse auf ihr eigenes Schicksal zu ziehen.
Ab 11. Dezember 1920 eröffnete im „Schwarzen Bock“ ein „Badener Kasino“, was natürlich nicht mit einem Spielcasino heutigen Zuschnitts verwechselt werden darf, denn es handelte sich nicht um eine Spielhölle, sondern bot bei gehobener Gastronomie vornehmlich Amüsement und Unterhaltung. Ein Rest von dieser Bedeutung steckt noch im Begriff „Offizierscasino“. Chef des Hauses war immer noch Wilhelm Hiedl, aber der Jüngere (sein Vater verstarb 1912), doch die Direktion des Kasinos lag in den Händen eines schon in England mit „derartigen Unternehmungen“ betrauten Mannes namens Starek. Man wagte den Sprung in eine neue Zeit: Groteskkomiker, Tanzkünstler, Stimmungskanonen, Foxtrott und Yazz (!) wurden versprochen, sogar ein Kasino-Orchester und Tango-Tee mit auserwählen Kabaretteinlagen und eine einaktige Posse. Das war „nicht nix“, denn man hatte z.B. den Komiker Ernst Kornée aus dem Budapester Trocadero abgeworben und das Tanzpaar Estelle und Ferry Fred mit Mühe den Karlsbadern weggefischt.
Im Jahr darauf erwählte der Verein deutscher Studenten, die ‚Herulia‘, den „Schwarzen Bock“ als Vereinslokal. Im November 1921 verkündete ein Inserat vom „Schwarzen Bock“ immer noch: „Badener Kasino, ab Samstag täglich Maria Solwig-Gastspiele samt Ensemble, Int. Tournee, zuletzt Stuttgart, die größten Erfolge (8 Attraktionen)“.
Lange hielt sich die Einrichtung jedoch nicht, bei aller Erfahrung des Direktors.
Gauner gab es natürlich auch immer und überall: „Im Hotel „Schwarzer Bock“ mieteten sich am 30. Oktober 1922 zwei Burschen ein, von welchen der eine sich als Alois Heerfried und der zweite als Franz Ballauf, beide Handelsangestellte, meldeten. Die beiden sind in einigen Stunden darauf unter Mitnahme von zwei Leintüchern, zwei Deckenkappen und einer Bettdecke verschwunden.“
Durchgegangene Mieter könnten auch größeren Schaden anrichten, aber in diesen dürftigen Zeiten war tatsächlich alles von großem Wert.
Am 4. und 5. November 1923 mieteten sich ein Herr und eine Dame unter den Namen Georg und Johanna Stumvoll, Fellhändler aus München, ein. Als sie das Hotel verließen, entdeckte man den Abgang von vier Bettdecken, zwei Leintüchern, zwei Deckenkappen mit schwarzer Aufschrift „Hotel Schwarzer Bock“ und einer roten Tischdecke im Gesamtwert von 2,25 Millionen Kronen. Der verehrte Leser ahnt die Inflation.
Im November 1924 gab es die Sensation schlechthin: Im Hotel-Restaurant war eine Radioanlage installiert worden, die den Gästen während der Frühstücks- und Mittagszeit, und zwar täglich von 11 Uhr vormittags bis 1 Uhr und 4 bis 6 Uhr nachmittags sowie ab 8 Uhr abends, die tadellosen Darbietungen der Sendestation Wien ohne Entgelt zu hören ermöglichte. Diese Nachricht, so folgerte die Badener Zeitung, würde jedenfalls allgemeines Interesse wachrufen.
Am 12. Dezember 1924 berichtet die BZ bzgl. des geplanten Austritts aus der Bezirkskrankenkasse Baden, und wir wollen hier auch einmal etwas sozialpolitisch Relevantes wiedergeben: „Die Zentralorganisation der Hotel-, Gast- und Kaffeehausangestellten trafen einander am 18. November 1924 im Schwarzen Bock, um zu einem geplanten Übertritt der Genossenschaft von der Bezirkskrankenkasse Baden in die Genossenschaftskrankenkasse Gloggnitz Stellung zu nehmen. Die von mehr als 80 Personen besuchte Veranstaltung kam nach eingehender Diskussion zum Schluss, dass ein solcher Übertritt nicht nur keinen Vorteil bieten würde, sondern eine schwere Schädigung, da sie bei der gutfundierten Bezirkskrankenkasse Baden, die auf allen Gebieten weit mehr zu leisten imstande wäre und auch leiste, erworbener Rechte verlustig gingen ohne bei der leistungsunfähigen Gloggnitzer Kasse je ähnliche Rechte und Ansprüche erwerben zu können. Es wurde einstimmig eine Resolution verabschiedet, worin den Behörden und der Genossenschaft zur Kenntnis gebracht wurde, dass man gegen den ohne Befragen der Gehilfenschaft gefassten Austrittsversuch entschiedenst protestiert und nicht bereit ist, Folge zu leisten.“
Kurios wird es, wenn man weiß, dass nur wenige Tage später eine Versammlung des Bundes „öst. Gastgewerbeangestellter, Sektion Baden“ zusammentritt, die sich mit den vom Gremium der Hoteliers und der Genossenschaft der Gastwirte gefassten Beschlüssen auf Austritt aus der Bezirkskrankenkasse Baden solidarisch erklärt, vor allem unter dem Aspekt, dass in dieser Versammlung ganze wohlgezählte zwanzig Personen, von denen einige überhaupt nicht im Gastgewerbe beschäftigt und daher auch nicht Mitglieder der Bezirkskrankenkasse Baden waren, teilnahmen und diesen Beschluss nach Anhörung eines Referates des Gastwirtsohnes Schwanke, der selbst allerdings auch nicht im Gastgewerbe beschäftigt war, sondern dort nur Billard spielte, gefasst wurde.
Da kann man sich seinen Reim darauf machen, erkannte die Zeitung ganz richtig.
Jedenfalls war der „Schwarze Bock“ ein guter Boden für Revoluzzer und Außenseiter! Wie wir im Folgenden noch verstärkt nachweisen werden.
Schlechte Zeiten dräuten. 1933 inserierte der Bock bescheiden: „Schlagoberskaffee mit Guglhupf – 80 Groschen!“ Im Juli 1933 trat die Besitzerfamilie Hiedl, die das Lokal über Jahrzehnte geprägt hatte, ab. Niemand erinnerte sich mehr an einen anderen Namen. Doch ab nun führte M. Geiter die Geschäfte.
Im Jahr 1935 kam es infolge der Nutzbarkeit der Photographie für ein breites Publikum zur Gründung eines Badener Amateur Photo-Klubs. Als Präsident bewährte sich der Alpinist und Fotograf Dr. Ernst Hanausek, und der Klubraum befand sich im Hotel „Schwarzer Bock“. 1936 beherbergte er auch einen Teil der Fachfotografen Österreichs, die hier ihre III. Innungs-Vorstandssitzung abhielten (und zugleich die Ausstellung „Gut Licht“ im Haus der Kunst beschickten).
Im Jahr darauf wurde der „Schwarze Bock“ durch die neue Betreiberin Leopoldine Piringer (Witwe des ehemaligen Café Doblhoff-Betreibers) mit viel Elan saniert.
Die Fotografen mussten vorübergehend ausziehen, bis sie die adaptierten und „mit neuen Apparaturen versehenen Clubräume“ ab Juli 1937 wieder nutzen durften. Und daneben das neue „Alt-Badner-Stüberl“ besuchen.
Fremdenzimmer mit fließendem Kalt- und Warmwasser wurden angepriesen, Bäder, Duschen und eine Terrasse. War nicht selbstverständlich damals. Dieser Standard blieb die nächsten 40 Jahre aktuell.
Am 30. Juni 1956 wurde das Café-Restaurant „Schwarzer Bock“ nach dem Krieg (wieder)eröffnet und zwar von einer gewissen Elsa Falkner, die aus der Fleischhauerdynastie Falkner-Schleiß abstammte. Die Familie hatte ihren Betrieb in Leesdorf, die höchst frequentierte Filiale (eröffnet am 1. August 1931) befand sich jedoch bis Mitte der 1960er-Jahre in Sichtweite des „Schwarzen Bock“ in der Pergerstraße in Nachbarschaft zum heutigen Finanzamt, das als Hotel Bristol (resp. später Waldeck) erbaut worden war.
In den 1950er und 1960er-Jahren trat ein gewisser Luce Höllthaler ins Rampenlicht der Heimatgeschichte und drückte dem Sozialbiotop Baden seinen Stempel auf, indem er die Bewohner mit seinen Eulenspiegeleien und practical jokes einerseits unterhielt, andererseits bis an die Grenze des Erträglichen provozierte.
Das Badener Original hält in seinem Büchlein „Keine Ahnung, Herr Inspektor!“ aus dem Jahre 2014 retrospektiv einige Episoden aus dieser Zeit fest, darunter auch welche, in denen der „Schwarze Bock“ eine Rolle spielt. Ich kann also nicht daran vorbeigehen und liefere dem Leser eine Kurzfassung.
Ende der 1950er-Jahre ließ sich Luce vom Kinofilm „Der dritte Mann“ inspirieren und beschloss gemeinsam mit einem Freund die Unterwasserwelt Badens zu erkunden. Da die Abwasserkanäle in Baden noch weniger einladend und begehbar sind als in Wien, fiel die Wahl auf einen unterirdischen Spaziergang im Bett des Mühlbachs.
Luce Höllthaler suchte zu diesem Zweck das damalige „In-Lokal“ Badens auf, nämlich das Espresso im „Schwarzen Bock“. In diesem Gasthauskomplex führten einige schlüpfrige Steinstufen durch eine kaum mannshohe Öffnung in den finsteren Kanal des zumindest nicht gerade wild schäumenden Mühlbachs. Mit aufgekrempelten Hosen und zwei Funzeln von Taschenlampen tasteten sich die beiden verwegenen Jungforscher unter dem „Schwarzen Bock“ und den Resten der Annamühle hinfort bis zum Josefsplatz, wo sich im betonierten Vorgarten des damals noch existierenden Cafés Ebruster der Ausstieg durch einen Kanaldeckel anbot.
Ein einsamer männlicher Gast hockte da, in seine Zeitung vertieft, und traute seinen Augen nicht, als sich wie von Geisterhand bewegt der Deckel zur Unterwelt hob und sogleich schloss, als man des Gastes ansichtig wurde. Der verwirrte Caféhausbesucher berichtete dem Kellner, der den verrückten Alten aber nicht für voll nahm. Jedoch wiederholte sich der Vorgang, der verhinderte Zeitungsleser zweifelte nicht mehr länger an seiner eigenen Beobachtung, umso mehr jedoch der Kellner, worauf die beiden im Unfrieden schieden.
Die beiden Jungen indes adaptierten ihr Vorhaben und verfolgten den Mühlbach noch eine Strecke unterhalb des Josefsplatzes, über die Stelle hinaus, wo heute der Bach freigelegt wurde, und beendeten ihre Tour erst beim Hotel Cortella, übrigens damals schon auf gutem Weg zu einer Absteige und ein weiteres Stammcafé Höllthalers. Heute residieren dort Bank, WLB und Zahnarzt, das Publikum lässt also immer noch Geld dort, bekommt aber weniger Gegenleistung.
Als Luce und sein Freund Robert das nächste Mal wieder gemeinsam im „Schwarzen Bock“ hockten und ihre Heldentat Revue passieren ließen, kamen sie auf eine Idee, die sie sogleich in die Tat umsetzten. Gegenüber des Hotels gab es seinerzeit eine kleine Trafik, deren Flachdach die Übermütigen zu einem Besuch verlockte. Luce Höllthaler und sein Freund waren mit ihren Fahrrädern vor Ort, die sie exzellent beherrschten, und, vom Alkohol befeuert, fanden sie Gefallen an der Vorstellung, auf dem ins Auge gefassten Flachdach ein paar Runden auf dem Drahtesel zurückzulegen. Viel Zeit wurde nicht verloren, damit dasselbe nicht der Wirkung des Alkohols wiederfuhr. Sie kletterten samt den Rädern hinauf und drehten ein paar kühne Runden, wie Luce schreibt, als ihnen ein alter Dachgiebel auffiel, der das Flachdach überragte. Im Giebelfenster darunter kühlte ein appetitlicher Apfelstrudel ab. Luce erhaschte ihn vor dem Zugriff einer alten Frau, entschuldigte sich und den Freund damit, Schweizer Touristen zu sein, die sich verfahren hätten, fragten noch nach dem Weg nach Hause und katapultierten sich vom Dach hinunter. Wie wild traten die beiden Krätzn in die Pedale, um den Ort des Schabernacks rasch hinter sich zu lassen. Die Polizei kam zu spät, die Beute war gerettet.
Allerdings schöpfte der Badener Polizeioberst Verdacht – er kannte seine Pappenheimer – lud Luce vor, der gestand, und man einigte sich, dass Luce zur Wiedergutmachung einen riesigen Apfelstrudel beim Wiedhalm zu erstehen und der armen alten geschockten Dame als Wiedergutmachung zu überbringen habe. Es geschah. Ein Billet war beigelegt mit den Worten: „Herzliche Grüße aus der Schweiz. Bitte nicht böse sein. Die Schweizer Touristen“.
Das hatte natürlich schon Stil, und da diese Ideen im Espresso des „Schwarzen Bocks“ und dessen alkoholischen Getränken ihren kreativen Ursprung fanden, wollen wir dem Lokal einen erklecklichen Teil des Ruhms zukommen lassen.
Nur Luce selbst bekleckerte sich nicht immer mit Ruhm. Eigentlich nie, aber das war sein Ruhm. Weil er mit einer der Kellnerinnen jahrelang ein Techtelmechtel unterhielt, ging er im „Schwarzen Bock“ ein und aus, und wo man sich länger aufhält, besucht man zwangläufig einmal die Toilette. Auf dem Weg dahin befand sich in einer Nische ein Aquarium, in dem naturgemäß bunte Fische ihre Kreise und Schlingen zogen. Die folgende Szene muss krasse Ähnlichkeiten zu jener im Film „Ein Fisch namens Wanda“ geborgen haben, wo der pseudointellektuelle Macho Otto (gespielt von Kevin Kline) vor den Augen seines Kumpans einen Zierfisch nach dem anderen aus dem Aquarium fischt und genussvoll in den Rachen gleiten lässt. Luce war weniger nüchtern, als er zur Tat schritt (oder wankte?), aber nichtsdestotrotz role model, ein Vorläufer, der für eine gute Show stets einiges überhatte. Luce war den anderen immer voraus, wenn es um skurrile Unsinnigkeiten ging. Leider konnte man ihn laut eigenem Bekunden zu Details der Vorfälle schwer befragen, weil er sich infolge seines oft der Agonie nahen Zustandes an den fraglichen Zeitraum häufig nicht erinnern konnte.
Wenn wir schon bei Show, Film und Models sind: Um 1962 herum kamen nach einem Besuch im Strandbad Alice und Ellen Kessler in den „Schwarzen Bock“ geschneit, die damals als „Kessler-Zwillinge“ das deutsche und italienische Showgeschäft aufmischten, in deutschen Schlagerfilmen mitwirkten und später dann auch bei der Peter Alexander-Show ihre Auftritte hatten. Die Straße vor dem „Schwarzen Bock“ platzte damals vor lauter Porsche-Sportwagen.
Aber auch die schwarze Sängerin Olive Moorefield, die sich in Österreich durch ihren erstmaligen Auftritt an der Wiener Volksoper mit „Kiss Me, Kate“ einen Namen gemacht hatte, tauchte eines Tages mit ihrer Entourage auf, und konsumierte mehr als einen kleinen Schwarzen.
International nicht bekannt, aber in Baden eine vertraute Erscheinung war Norbert Knozer, Enkel des k.k. Fotografen Friedrich aus der Weilburgstraße 4b. Er war in 1960ern in der Politik bzw. als Innungsmeister tätig, und nach Sitzungen tauchte er – leicht geschlaucht – gerne im „Schwarzen Bock“ auf und unter.
„Baby“, sagte er zu den Kellnerinnen in seiner manierierten Art, „meine Seele ist verdüstert.“
Wenn er seine Augen öffnete und schloss, wirkte es, als wären es schwerfälllig schließende Jalousien. Und er fuhr fort: „Baby, was willst du essen und trinken?“
Inge Sternath: „Norbert, bitte ein Pago und eine Schinkenrolle.“ Und Margit Derschowitz, eilig: „Norbert, ich bitte auch ein Pago und eine Schinkenrolle.“
Er behandelte sie immer, als wären sie Kinder, und die beiden Damen ließen sich die Rolle gefallen: „Entzückend, was seid ihr entzückend.“
Pago und Schinkenrolle war schon ziemlich 1970erlike.
Als Michael Allhoff 1976 von seiner Großmutter Elsa Falkner übernahm, kämpfte er gleich von Anbeginn mit den Gewerbe- und sonstigen Behörden. Eine der ersten Forderungen war, dass er den gesamten Eingangsbereich umrüsten müsse, nämlich die sozusagen historischen Glastüren gegen Sicherheitsglas tauschen, obwohl sich dreißig Jahre lang seit dem Krieg kein Mensch darum gepfiffen hatte und bis dato auch keine Verletzten zu beklagen gewesen waren.
In den 1970er-Jahren gab es Speisen, die man heute auf der Karte der Gasthäuser zumeist vergeblich suchen wird: Als Mode-Vorspeisen finden wir Lachs-, Mayonnaise- oder Kaviar-Ei, besagte Schinkenrolle, Shrimps-Cocktail, aber auch noch die Aufschnittplatte, als Hauptspeisen u.a. Kalbsbeuschel (beim Lesen alleine würden meine Kinder schutzsuchend unter den Tisch kriechen) und Mastochsenfleisch, Pariser- und Mailänder Schnitzel, der damals allgegenwärtige Hirtenspieß, und als Nachspeise fand man an jeder Ecke Kastanienreis, Birne Helene und Pfirsich Melba. In einer eigenen Rubrik konnte der Gast im „Schwarzen Bock“ unter sieben (!) Kompotten wählen, 20 Schilling die Portion (aber im Hotel Stadt Wien konnte man 19. Jahrhundert noch unter 12 Kompotten wählen, jawohl!).
Übernachtet wurde 1975 in einem Einzelzimmer mit Frühstück um 150 Schilling (rund 10 Euro), Halbpension 200 Schilling. Aber zurück zum Essen. Es gab eine Art Haustorte, die von der ungarischen, angeblich phänomenalen Köchin produziert wurde (18 Schilling = ca. € 1,20) und große Beliebtheit genoss. Bei dieser Torte fanden – analog zum Toast Hawaii, den man überall nachgeschmissen bekam – dekorative Ananasscheiben Verwendung, die auf einer ziemlich dominanten Topfenoberstorte für das exquisite Element sorgten. Das Originalrezept kann ich Ihnen nicht mehr bieten, die Köchin und ihr Rezept sind längst verschollen, aber ich habe die bekannten Eckdaten aus der Erinnerung der Hausangestellten für eine möglichst authentische Neuinterpretation genützt.
Haustorte „Schwarzer Bock (im weißen Hemat*)“
(Rezept nachempfunden: Günther Schützl)
Zutaten (Mürbteig):
24 dag Mehl
15 dag Butter
2 Dotter
3 EL Rum
Kriecherlmarmelade
Topfenoberscreme:
75 dag Topfen
5 Dotter (10 dag)
10 dag Staubzucker
2 dag (Bourbon-)Vanillezucker
Saft einer Zitrone
5 gr Zitronenschalen feinstgeschnitten (ev. gefriergetrocknet)
eine Prise Salz
12 Blatt Gelatine
12 dag Schlagobers
Zum Überziehen (ich verfälsche hier das mutmaßliche Rezept):
100 dag geschlagenes Obers (ev. leicht gesüßt)
4 Scheiben Hawaii-Ananas
Mehl, Dotter, Butter und Rum gut verrühren, den Boden einer mittleren Tortenform damit auslegen und ca. 20 min backen. Danach abkühlen lassen und dünn mit Marmelade einstreichen. Während des Backens Topfen, Dotter, Staub- und Vanillezucker, Zitrone und Salz miteinander vermischen. Dann die Gelatine in kaltem Wasser kurz einweichen, ausdrücken, dann erhitzen – nicht kochen! – und die Creme hinzufügen, gut mischen. Zuletzt wird das geschlagene Obers sanft untergehoben (einmeliert). Es empfiehlt sich, die Fülle gegen den Tortenring hin mit einem Kunststoffband oder mit Backpapier abzugrenzen, damit die Torte nachher nicht kleben bleibt und zerreißt. Nach Fertigstellung sollte man die Torte mindestens 15 min tiefkühlen, damit sie die entsprechende Festigkeit erlangt, oder überhaupt über Nacht in den Kühlschrank stellen (mit Klarsichtfolie gegen Gerüche schützen!). Nachdem Sie den Tortenring entfernt haben, sollten Sie um der Ästhetik willen die Torte mit einem ca. 1 cm höheren Kunststoffstreifen umgeben und diesen mit einem Klebeband fixieren. Vor dem Verzehr der Torte wird nämlich schwach gesüßtes Schlagobers gleichmäßig über die Oberfläche (ab-)gestrichen und die Ananasscheiben dann quasi kreuzförmig aufgelegt, worauf sie sich wohlig ins Weiße kuscheln. Jetzt ist der unterste Teil fest, aber nicht hart, die mittlere Masse kompakt, und die 3. Lage cremig.
Anmerkung: Wie oben anklingt, ist das Rezept abseits aller Mutmaßung auch noch mutwillig verändert. Erstens ist die Kriecherlmarmelade meine Wahl, weil säuerlich. Damals hat natürlich die omnipräsente Marillenmarmelade Verwendung gefunden. Zweitens habe ich weniger Puderzucker genommen als in vergleichbaren Rezepten üblich, weil ich es nicht so süß mag. Und drittens wurde die Originaltorte nicht mit Schlagobers bekleckert, sondern sie wurde in Höhe der aufgelegten Hawaiiananas mit Gelee bedeckt. Bei meiner Variante empfiehlt es sich, sie möglichst frisch in den Verdauungstrakt zu überführen. Bei der Geleevariante können Sie sich Zeit lassen.
*Das Wort „Hemat“ kommt aus dem Althochdeutschen und bedeutet offenbar einerseits „Haut“ (von „Hemedi“), andererseits „Zierat“ und „Zierde“. Das Wort in seiner alten Form ist auf dem besten Wege auszusterben (außer vielleicht in Bayern), aber mein Großvater hat es bis in die 1970er hochgehalten (z.B. „Nochthemat“ = Nachthemd), natürlich nur sprichwörtlich.
Wie Sie sehen, spielen beim obigen Rezept Obers und Hawaii-Ananas eine markante Rolle. Erlauben Sie einen Vorgriff in die damalige Zukunft, nämlich in die 2010er-Jahre, wo in der American-Bar „Palmira“ (quasi illegitimer Nachfolger der legendären Bar im Hotel Stadt Wien), Hauptplatz 19, ein raffinierter Cocktail ins Auge springt, dessen Ingredienzien partiell ein déjà-vu zur obigen Süßspeise sind und zugleich die höchst elegante, liquide Begleitung nahelegen. Sein Name (hoffentlich sticht er in seiner Präsenz nicht IHRE Begleitung aus):